Stierkampf, ein Weltkulturerbe?

Dieses Thema im Forum "Stierkampf" wurde erstellt von Gast1805, 27. Juni 2009.

Booking.com
  1. Gast1805
    Gast1805 Guest
    Stierkampf, ein Weltkulturerbe?
    Stierkampf, ein Weltkulturerbe?

    Hat der Stierkampf eine echte Chance zum Weltkulturerbe erklärt zu werden?

    Dresden trauert. Da bauen sie eine Beton-Metall-Konstruktion durch ihr Kulturerbe und schon ist der Titel weg. Kulturelles Eigentor mit Ansage! Aber wir sind in Spanien und wollen so von einem der spanischsten aller spanischen Themen reden, vom Stierkampf. Und schafft man hier eine Verbindung, also vom Stierkampf zum Weltkulturerbe, da stellt sich doch die Frage, der Stierkampf als Weltkulturerbe, geht das überhaupt?

    Man muss nur in die Gesichter der resignierten Tierschützer schauen um nur zu erahnen, da scheint wirklich etwas dran zu sein. Die Chancen auf Erfolg, den angestrebten Eintrag des Stierkampfes als Weltkulturerbe der UNESCO durchzusetzen, schließen inzwischen auch eingefleischte Antitaurinos nicht mehr aus. Die Lobbyisten seien zu mächtig und verfügen über zu viele politische Beziehungen, als dass ihre Forderungen ignoriert werden könnten. Denn man lebe in einer Zeit des Verfalls jeglicher moralischer Werte.

    Es begann in Paris am 17. Oktober 2003 als die UNESCO (Vereinte Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) ein Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes verabschiedete. Nachdem 30 Staaten es ratifiziert hatten, trat es zum 20. April 2006 in Kraft. Während Deutschland in der offiziellen Liste noch nicht zu finden ist, ist Spanien schon mit zwei immateriellen Kulturerbschaften vertreten: Den Mysterienspielen von Elche und dem Patum-Fest von Berga.

    Die spanische Stierkampflobby erkannte schon sehr früh, dass ein Antrag zum Weltkulturerbe nur dann Aussichten auf Erfolg habe, wenn alle stierkampfpraktizierenden Länder gemeinsam vorgehen würden. So wurde Ende 2004 in Madrid die internationale Stierkampforganisation AIT (La Asociación Internacional de Tauromaquia) gegründet, mit dem Hauptziel den Stierkampf in die UNESCO-Liste mit aufzunehmen. Der Präsident der AIT, D. Williams Cárdenas Rubio rechtfertigt seinen Antrag damit, dass sich die Tauromaquia über Jahrhunderte hin entwickelt hätte und somit fundamentaler Bestandteil des sozialen, politischen und kulturellen Lebens des spanischen Volkes sei. Sein Einfluss reflektiere sich auf allen intellektuellen und künstlerischen Ebenen und bildet die Essenz der Hispanität. Hinzu betont er die länderübergreifende Wirkung, allen voran mit Frankreich, Portugal, Mexiko, Kolumbien, Peru, Venezuela und Ecuador, mit dessen politischer Unterstützung der jeweiligen Regierungen zu rechnen sei.

    So wurde von der AIT im November 2005 der spanischen Kulturministerin Doña María del Carmen Calvo Poyato ein öffentliches Schreiben zugestellt mit der Aufforderung sich in dieser Angelegenheit als Vertreter Spaniens an die UNESCO zu wenden. Auch an die spanische Königstochter Doña Cristina de Borbón y Grecia wandte man sich in dieser Angelegenheit, sich doch für den Stierkampf als Kulturerbe einzusetzen.

    Dem Vorgehen wurde ein Name gegeben: Das Proyecto Tauromaquia-UNESCO.

    Um politische Interessen bezüglich der Fiesta nacional zu wahren wurde im Juni 2006 die ATP (Asociación Taurina Parlamentaria) gegründet, der sich auf Anhieb 150 Senatoren anschlossen. Das sind immerhin schon 57 Prozent! Es folgten verschiedene Werbeveranstaltungen, so auch 2007 bei der Feria del toro in Portugal wo man bei den iberischen Brüdern auf viel Zustimmung gestoßen ist.

    Weitere Hoffnung konnte die Afición schöpfen, als die Schriftliche Erklärung für ein europaweites Verbot von Stierkämpfen am 15. Mai 2007 von ¾ der EU-Parlamentarier abgelehnt worden ist. Besonders schlimm für die Antitaurinos, selbst bei den europäischen Tierschützern forderte nur die Hälfte ein Verbot. Und schließlich brachte dieser Antrag noch eine Erkenntnis zu Tage: Die politische Rückendeckung in Ländern wo Stierkampf praktiziert werde beträgt 92 Prozent!

    Am 4. und 5. Juli 2008 wurde die Welt der Tauromaquia im europäischen Parlament vorgestellt. Parallel dazu lief eine Ausstellung in Brüssel mit dem Titel „Entre el Hombre y el Toro“. Mit der Präsenz berühmter Matadores de toros wie die Spanier Enrique Ponce, "El Juli" und des Franzosen Sebastián Castella wurde das Feedback der europäischen Parlamentarier durchaus als sehr positiv bewertet. Selbst die Tierschutzorganisationen mussten einräumen, dass die Chancen für einen Eintrag als Weltkulturerbe der UNESCO sehr gut stehen.

    Im November 2008 kamen alle parlamentarischen Mitglieder der Organisationen für den Stierkampf aus Spanien, Frankreich, und Portugal in Madrid zusammen und beschlossen, dass man unter Berücksichtigung der kulturellen und artistischen Werte der Tauromaquia alles Nötige in die Wege leiten werde, mit dem Ziel den Stierkampf als Eintrag in die Liste der Kulturerben zu erlangen.

    Auf dem Fórum Mundial de la Cultura Taurina welches im Januar 2009 auf Terceira (Azoren) stattfand würdigte man ebenfalls das UNESCO-Projekt.

    Auch die andalusische Landesregierung (Junta de Andalucía) fördert dieses Projekt in besonderem Masse.

    Mittlerweile hat sich fast jede Organisation aus dem Stierkampfgewerbe dem Projekt Stierkampf-UNESCO angeschlossen. Allen voran in der Organisation Mesa del Toro aus Madrid, in der sich 15 Verbände zusammengeschlossen haben, und die gerade am 6. Juni 2009 bei einem internationalen Treffen ihre vollkommende Unterstützung zusagte.

    Fazit: Die Stierkampflobby schleicht sich leise im Untergrund an ihr Ziel an. Auf große Konfrontationen mit Antitaurinos legt sie keinen Wert und achtet bei ihren Werbekampagnen stets auf eine positive Stimmung. So ist die AIT nun schon so weit vorangekommen, was sich nicht mal die größten Optimisten zu träumen gewagt hätten.

    Ob der Stierkampf nun wirklich zum Weltkulturerbe geadelt wird, ist sicherlich noch recht offen und auch eine Frage der Zeit und des politischen Stimmungsbarometer. Aber genau an diesem letzten Punkt setzt die Lobby an und zieht somit wichtige Entscheidungsträger auf ihre Seite.

    Und das selbst die Tierschützer mittlerweile in ihrer Gegenargumentation von einer „Stierkampfkultur“ sprechen ist der Afición eher förderlich denn ein Hindernis.
     
    #1 27. Juni 2009
  2. Gast1975
    Gast1975 Guest
    Spannend, ich muss zugeben, von der Diskussion wusste ich gar nichts.

    Was die politische Rückendeckung angeht: solange Stierkampf ein Spektakel ist, das man auch dazu nutzt, sich der Presse zu zeigen, wird die Politik das Ganze natürlich unterstützen. Nicht zu vergessen, dass im Stierkampf auch eine Menge Geld bewegt wird bzw. dass viele, die in Spanien Geld bewegen, nebenher auch Stiere züchten.

    Ausserdem für mich in Spanien immer wieder faszinierend: Juan Carlos ist ja doch für viele ein Vorbild, und der geht ja nunmal auch zum Stierkampf.
     
    #2 28. Juni 2009
  3. Gast1805
    Gast1805 Guest
    Um ehrlich zu sein, ich wusste eigentlich nicht, bis zu diesem Zeitpunkt wo ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, dass es überhaupt immaterielles Kulturerbe gibt. Und in meinem Freundeskreis sieht es nicht anders aus.
     
    #3 29. Juni 2009
  4. Gast1975
    Gast1975 Guest
    Hola,
    das mit dem immatierellen Weltkulturerbe hatte ich irgendwo gelesen, allerdings sind es bisher weltweit nur sehr wenige Dinge, die als solches wirklich anderkannt sind. Daneben hat die UNESCO aber eine "Repräsentative Liste des immateriellen kulturellen Welterbes" aufgestellt, da taucht auch
    * Mysterienspiele von Elche
    * Patum-Fest von Berga
    auf. Hier einzusehen.

    Der Stierkampf taucht das nicht auf. Wenn man allerdings bei google "Unesco Weltkulturerbe Stierkampf" eingibt, kommen erstmal lauter Tierschutzseiten mit den aufrufen "dringend" gegen die Aufnahme. Wenn es so dringens ist, hat die fiesta ja scheinbar gute Chancen bei der Unesco, was? :mrgreen:
     
    #4 29. Juni 2009
  5. Gast1805
    Gast1805 Guest
    So bin ich überhaupt auf dieses Thema gekommen. Obwohl ich schon vor ca. zwei Jahren auf Ulis Seite davon gelesen hatte. Fand aber damals diesen Gedankengang eher als eine Übertreibung, gar Spinnerei durchgeknallter Aficionados.
     
    #5 29. Juni 2009
  6. Gast1805
    Gast1805 Guest
    Mehrere Städte mit Stierkampftradition
    bewerben sich als spanisches immaterielles Kulturgut


    Damit die spanische Afición ihrem Schritt zum Weltkulturerbe näher kommt, haben sich erstmal mehrere Veranstaltungen für die Wahl zum Spanischen Kulturerbe für die immateriellen Kulturgüter bei der IBOCC (International Bureau of Cultural Capitals) beworben. Von den 45 Bewerbungen werden 10 Kulturgüter zum Patrimonio Cultural Inmaterial de España deklariert. Aus dem Bereich des Stierkampfes haben sich Städte mit ihren Ferias und Fiestas beworben, wo der Stierkampf ein nicht wegzudenkender und strark integrierter Bestandteil darstellt:

    Da wären unter anderem:

    Pamplona: Sanfermines
    Valencia: Las Fallas
    Sevilla: Feria de Abril
    Jerez de la Frontera: Feria del Caballo


    Bei der Wahl sollen traditionelle Werte einen besonderen Aspekt darstellen.

    Stierkampfgegener wie Stop Corrida befürchten: "Wenn jedoch die Anerkennung als spanisches Kulturerbe erreicht ist, wird der Antrag für das Weltkulturerbe der UNESCO sicherlich bald folgen."
     
    #6 1. Juli 2009
Die Seite wird geladen...
Das könnte Sie auch interesieren
  1. Zukunft des Stierkampfs

    Zukunft des Stierkampfs: [size=7]Die Zukunft des Stierkampfs[/size] [size=7]Schwappt die Renaissance der [i]toros [/i]von Amerika auch nach Europa? [/size] Erstaunt schauen wir [i]aficionados[/i] über den großen Teich nach Amerika, was sich dort im Rund der [i]plaza de...
  2. Einiges Neues auf 'Stierkampf - Corrida de Toros'

    Einiges Neues auf 'Stierkampf - Corrida de Toros': Liebe Aficionados, auf unserer Webseite [url="http://people.freenet.de/stierkampf-corridadetoros/"]http://people.freenet.de/stierkampf-corridadetoros/[/url] gibt es einige Neuigkeiten. Mit herzlichen Grüßen Andreas Krumbein
  3. Stierkampf- warum???

    Stierkampf- warum???: Hier scheinen ja richtige Stierkampfexperten am Werk zu sein. Aber ich vermisse, daß auch über das Leid der Tiere diskutiert wird. Ich habe kürzlich erst wieder eine Reportage über die äußerst schmerzhafte Vorbereitung der Stiere zur Corrida...
  4. Arme Touristen!

    Arme Touristen!: [size=7]Arme Touristen![/size] Zwar wird die Iberische Halbinsel von immer mehr Touristen besucht, jedoch lassen diese immer weniger Geld am Ort. Haben vor 5 Jahren 50,1 Millionen Touristen durchschnittlich noch 817 Euros in Spanien...
  5. ETA – eine lösbare Aufgabe?

    ETA – eine lösbare Aufgabe?: [size=7]ETA – eine lösbare Aufgabe?[/size] Oft werde ich über die ETA gefragt. Was ist das eigentlich genau? Die spanische Variante des Nordirlandkonfliktes? Eine iberisch-französische RAF? Baskische Mafia wo auch Entführungen, Schutzgelder,...
  6. Toreros in der Küche

    Toreros in der Küche: [size=7]Toreros in der Küche[/size] Wo es schon seit geraumer Zeit modern geworden ist, sich als Berühmtheit auch in Kochsendungen oder Büchern zu präsentieren, war es nur eine Frage der Zeit, wann denn die [i]Caballeros[/i] aus dem Rund der...
  7. FACHARBEIT AUF SPANISCH

    FACHARBEIT AUF SPANISCH: hola erstmal. es geht um folgendes und zwar ich muss jetzt in spanisch eine facharbeit zum thema stierkämpfe schreiben jedoch habe ich problem und zwar was soll ich schreiben :S:S:S habe mir überlegt dass ich einen teil der geschichte der...
  8. Aufarbeitung der jüngeren spanischen Geschichte in Spanien

    Aufarbeitung der jüngeren spanischen Geschichte in Spanien: [quote=Borrasca]Zum Thema Vergangenheitsbewältigung möchte ich jedoch noch einen anderen Aspekt hinzufügen: sicher tut man sich hierzulande schwer, Dinge aus der älteren oder jüngeren Geschichte aufzuarbeiten. Aber: ist das nicht natürlich? Wenn...
  9. Statistik 2007

    Statistik 2007: In der Fachzeitschrift [b]6TOROS6[/b] wurden nun die Zahlen für das vergangene Jahr veröffentlicht: [b] Andalusien:[/b] corridas_________293 novilladas_______ 139 rejones__________ 83 [b]Aragón:[/b] corridas__________40...
  10. Den Spaniern gefällt ihre Fernsehkultur

    Den Spaniern gefällt ihre Fernsehkultur: [size=7]Den Spaniern gefällt ihre Fernsehkultur[/size] [b]Erstaunlich aber wahr: Spanisches Fernsehen kommt bei den Iberern an![/b] Spätestens seit der Dokumentations-Reihe „Zapping“ im Kulturkanal arte weiß man um die Niveaulosigkeit...
  11. stierkampf

    stierkampf: hola,jetzt ist es fast soweit,wir sind vor einem jahr auf hochzeitsreise von sevilla bis granada gewesen und möchten nun zum ersten hochzeitstag wieder dorthin. wer weiß wann und wo zwischen dem 19.09.08 und dem 22.09.08 ein stierkampf statt...