Ist Stierkampf Kunst?

Dieses Thema im Forum "Stierkampf" wurde erstellt von Gast1805, 11. November 2008.

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  1. Gast1805
    Gast1805 Guest
    Ist Stierkampf Kunst?
    Ist Stierkampf Kunst?

    Ein Überblick mit der Frage, kann die Tauromaquia als gestaltende Kulturleistung gesehen werden?

    Für die Tierschützer scheint die Antwort eindeutig. Stierkampf ist eine Barbarei, die Akteure Tierquäler, die Zuschauer mit sadistischen Anlagen versehen … nein das habe mit Sicherheit nichts weder mit Kunst noch mit Kultur zu tun.

    Gehen wir doch mal ins Detail: Unter Kunst versteht man das Ergebnis einer menschlich kreativen Gestaltung. Auf den Stierkampf übertragen wäre das Ergebnis der Tod des toro bravo. Doch dass der Tod selbst als Vollendung künstlerischen Schaffens nicht in Frage kommt, versteht sich von selbst. Es sei denn, Sterne Köche a la Ferran Adriá verwandeln dieses Endprodukt durch molekulare Einflüsse zu einem kulinarischen Kunstwerk - der Tod als ein Mittel zur Kunst, wie es sich in so zahlreichen Kunstwerken reflektiert. Denken wir zum Beispiel an die Guernica.

    Unter Kunst verstehen wir aber auch die Entwicklung zum Ergebnis. Den Prozess selber, wie wir ihn auch in der akustischen Darstellung von Musik wieder finden. Und genau da schafft der Stierkampf, mit seinen Bewegungsabläufen, dem Spiel der Farben, der Lichter und der Schatten, der Musik, dem Ambiente und seiner Dramatik viel Freiraum für kreative Gestaltung. Gerade in dieser theatralischen Darstellung mit dem beinahe unabwendbaren Ergebnis des Todes sehen viele Künstler eine Herausforderung. Und so reflektiert sich der Stierkampf in zahlreichen künstlerischen wie kulturellen Gattungen.

    In der Malerei: Der erste bekannte Vertreter dieser Gruppe dürfte wohl Francisco de Goya (1746 – 1828) sein. Seine berühmte „La Tauromaquia“ bestand aus 44 Radierungen (von denen heute noch 40 erhalten sind) und ist zwischen 1814 und 1816 entstanden. Nicht weniger unbedeutend seine Darstellungen des Toreros José Delgado 'Pepe Illo' (1754-1801), vor allem seinen tragischen Tod in der [i}Plaza de toros[/i] von Madrid. Der zweite große Name im Bereich der malerischen Tauromaquia kommt aus Málaga: Pablo Ruiz Picasso (1881 – 1979). Erst ein Besuch einer Corrida de toros in dem französischen Arles 1957 inspirierte den Künstler zu einer eindrucksvollen grafischen Umsetzung über die Kunst des Stierkampfes. Erwähnt seien noch großartige Künstler wie Ignacio Zuloaga (1870 – 1945), Eduard Manet (1832 – 1880), Joaquín Sorolla (1863 – 1923), Daniel Vázquez Díaz (1882 – 1969), Eugenio Lucas (1858 – 1918), Roberto Domingo (1883 – 1956), Martinez de León (1895 – 1978) und die Illustrationen von Gustavo Doré (1832 – 1883) und Pharamond Blanchard (1805 – 1873) die wir in den Büchern „Voyage en Espagne“ und „Reise in Andalusien“ von Théophile Gautier finden. Um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

    In den Stierkampfplakaten: Naheliegend ist es wohl, dass sich einige Künstler sich in der Gestaltung von den carteles übten. Ohne darauf näher einzugehen hier ein Kuriosum: Sie hat immer in der ersten Reihe gesessen und dabei oft gleich drei Plätze eingenommen - damit sie ihre Malutensilien ausbreiten konnte. Mit Tusche fing die aus Wiesbaden stammende Edith Hultzsch die Bewegungen von Toros und Toreros ein. 1981 war sie die erste und bisher einzige Deutsche, die den Wettbewerb für das Plakat zu den Fiestas de Sanfermin gewinnen konnte.

    In der Bildhauerei: Wer sich in der Dekorationsabteilung des spanischen Kaufhauses El Corte Inglés umschaut, hat mit Sicherheit schon einmal die metallenden Kopien von dem spanischen Bildhauer Mariano Benlliure (1862 – 1947) gesehen. In seinen Figuren spiegelt sich die gesamte Kraft der toros bravos wieder. Dekorativ für einen jeden Aficionado der über einen entsprechenden Sims verfügt.

    In der Musik: Da fällt einem natürlich zuerst einmal der Paso Doble ein. Nicht umsonst kennt man Ohrwürmer wie España cañi von Pascual Marquina Narro (1873 – 1948) oder Valencia von José Padilla (1889 – 1960). Und was wäre die Opernwelt ohne Carmen von Georges Bizet (1838 – 1875), welche erst, nach dem Tod des Komponisten, bei der Wiederaufführung in Wien 1875 zu einem internationalen Erfolg wurde. In Spanien schaffte 1912 El gato montés von Manuel Penella Moreno (1880 – 1939) den Durchbruch. Auch im Flamenco sorgt der Stierkampf für viel Dramaturgie. Ob Gesang, Gitarre oder beides, in Spanien hat es viele bekannte Namen hervorgebracht, wie unter anderem den Sänger Pepe Marchena (1903 – 1976) oder den Gitarristen Manolo Sanlúcar (geb. 1943) mit seiner bekannten Tauromagia (man achte auf das „g“ statt dem „q“). Nicht umsonst ersetzen Flamencomusiker bei besonderen Stierkämpfen den Paso Doble. Das sich Literatur mit Musik verbinden kann zeigt hier der Llanto por Ignacio Sánchez Mejías mit dem Text von Federico García Lorca (1898 – 1936) und der Musik von Maurice Ohana (1913 – 1992).

    Im Tanz: Wo Musik ist da wird auch getanzt. Und da holt uns zunächst der Paso Doble wieder ein. Nichts versinnbildlicht heute mehr den Stierkampf auf der ganzen Welt als dieser Tanz im 2/4 Takt (ursprünglich im 3/4Takt). Seit 1963 gehört er sogar zum Pflichtprogramm der lateinamerikanischen Tänze. Aber nirgends findet der Stierkampf soviel theatralischen Ausdruck wie beim Flamencotanz. Die ernsthaften bis verzerrten Gesichter, die gespannten Körperhaltungen und die kontrollierten Bewegungen bis hin in das kleinste Detail spiegeln alle Dramatik einer Corrida wieder. Aktuell und auch in Deutschland zu sehen der aus Sevilla stammende Israel Galván (geb. 1973) mit seinem 2004 entstandenen Programm „Arena“. Hier stellt der Tänzer alles selber dar: Den Toro, den Matador de toros, den Banderillero und auch das Leben und den Tod, und zu der Choreographie ließ er sich durch die Zeichnung „Tauromaquia“ von Goya inspirieren.

    Im Film: Erstaunlich dass bei soviel Dramaturgie der Stierkampf beim Film nie so den Durchbruch schaffte. Das liegt wohl auch daran, dass mit dem Medium Film eine sehr breite Masse angesprochen wird, und da eben wohl nicht der angestrebte Gewinn zu finden sei. Hollywood & Co. trauten sich an dieses Thema nicht ran. Doch ein kleiner mexikanischer Junge namens Leonardo schaffte es 1956 in dem Film „Roter Staub“ tausende von jungen Zuschauern zum Weinen zu bringen, als sein Stier Gitanillo begnadigt worden ist. Und in Spanien? Ein paar Billigproduktionen, oft mit Coplaeinlagen vermischt, für den eigenen Markt – das war es eigentlich auch schon. Nur der spanische Regisseur Pedro Almodóvar (geb. 1951) wagte den Sprung mit der Thematik des Stierkampfs auf die internationale Bühne. Und mit Erfolg: „Matador“ aus dem Jahre 1986 mit Antonio Banderas und 2002 gab es sogar einen Oskar für den vielgerühmten Film „Sprich mit ihr“. Dann war wieder Stille. Und erst jetzt wird die internationale Filmgemeinde mit gleich zwei Stierkampfproduktionen überfallen: Im November wurde in den Vereinigten Staaten der Dokumentarspielfilm „The matador“ mit einem „echten“ Matador de toros, dem populären „El Fandi“ aufgeführt. Im nächsten Jahr dürfen sich die Filmfans freuen auf Oscarpreisträger Adrian Brody der den legendären Torero Manolete verkörpert und Penélope Cruz als seine große Liebe.

    In der Photographie: Ähnlich wie sich Fotografen zum Beispiel auf gewisse Sportbereiche spezialisiert haben, verhält es sich auch hier beim Stierkampf. Aktuelle Fotos, nahe am Geschehen mit gesellschaftlichen Blickwinkel und privater Sphäre, das ist in erster Linie gefragt. Momentaufnahmen journalistischer Darstellung des Lebens durch den Tod in der Plaza de toros. Der erste bekannte Vertreter dieser Gruppe dürfte wohl der Franzose Juan Laurent y Minier (1816 – 1886) sein. Es folgte eine Menge an Stierkampffotografen, doch nur einer schaffte es mit seiner seiner weißen Kappe und der schon legendären Unterschrift an die wirkliche Spitze. Wer seinen Namen hörte, brachte automatisch gleich den tragischen Tod von Manolete mit ihm in Verbindung: Francisco Cano Lorenzo (geb. 1912)

    In der Literatur:
    Nach den Romanciers war es wohl Ernest Hemingway (1899 -1961) der dem spanischen Stierkampf zu internationalem Weltruhm verhalf. Neben seinen Büchern „Fiesta“ (1926) und „Tod am Nachmittag“ (1932) sorgten zahlreiche Depeschen für die Popularität der Tauromaquia. Viele folgten seinem Beispiel, doch es wäre müßig sie jetzt alle aufzuzählen. Ein Buch soll aber nicht unerwähnt bleiben: „… oder du wirst Trauer tragen“ von Larry Collins und Dominique Lapierre, die auf brillante Weise den Werdegang von El Cordobés vor der Kulisse des spanischen Bürgerkrieges in die Diktatur hinein beschreiben.

    Und nun die Frage: Ist Stierkampf als Kunst Teil der Kultur?


    Der Historiker Rolf Neuhaus (geb. 1951) gab seinem 2007 erschienen Buch „Der Stierkampf“ den Untertitel: „Eine Kulturgeschichte“. Auch der Kulturwissenschaftler Karl Braun (geb. 1952) sieht in der Corrida ein Kulturereignis, welches ein großes Menschheitsdrama vorführt. Es herrscht wohl Übereinstimmung: Kultur, Geschichte und Tradition scheinen sich zu decken. Da wird kaum diskutiert.

    Wie steht es aber mit dem Stierkampf selbst, als Gegenstand der Kunst? Nicht für die Kunst, sondern als Kunst? Für den bekannten spanischen Schriftsteller Antonio Gala (geb. 1932, Autor von „Die Handschrift von Granada“) ist es klar: „Der Stierkampf ist eine Kunst die vor allem Kopfarbeit und Bewusstsein verlangt! … er ist vor allem eine geistige Aufgabe!“ . Der Wiener Professor Rainer Bischof (geb. 1947) muss es ähnlich sehen, nennt er sein Hauptkapitel über die einzelnen Phasen des Stierkampfs: „Arte de torear“ (Die Kunst mit den Stieren zu kämpfen). An anderer Stelle bezeichnet er es als die umfassendste Darstellung des Lebens im Sinne des Theaters. Also als eine Art künstlerischer Kommunikation zwischen Akteuren und den Zuschauern. Und bei Lorenz Rollhäuser (geb. 1953) lesen wir in einem Zitat, dass der berühmte Torero Belmontebesser als jeder andere Künstler gewesen sei“. Keine Frage, viele vertreten den Standpunkt, dass wir hier über Kunst reden.

    Gewiss, solche Standpunkte sind recht subjektiv. Und es versteht sich von selbst, dass es da auch Andersdenkende gibt: Die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy (geb. 1965) schrieb, „dass man die Schönheiten einer Corrida nur entdecken kann, wenn man bereit ist, über eine Menge Ungeschicklichkeit, Widerwärtigkeit und Durcheinander, über Fehler, Versagen und mangelndes Können, hinwegzusehen.“ Und schließlich stellt sie nach einem schlechten Stierkampf fest, dass ein solches Gemetzel kaum mit den Begriffen der Kunst zu rechtfertigen sei. Auch das ist eine Meinung dazu.

    Fazit: Stierkampf ist ein Bestandteil der spanischen Kultur. Und die Tauromaquia liefert als Objekt ohne Frage viel künstlerischen Raum für kulturelle Ansprüche. So versteht sich die Kunst selbst als ein menschliches Kulturprodukt. Nicht mal ein Großteil der Gegner stellt dieses in Frage. Der künstlerische Anspruch wird eigentlich auch fast nie diskutiert. Antitaurinos interessieren sich in erster Linie nur für den Rechtsanspruch. Denn würde man dem Stierkampf den Kulturstempel entziehen, würde er nicht mehr unter die Kunstfreiheit einer modernen Demokratie fallen, und ohne dieses Fundament wäre er in der Tat rechtlich angreifbar.

    Und die Frage möchte ich gerne an Euch weiterleiten. Ist Stierkampf Kunst oder Kultur?

    HINWEIS: Es geht hier nicht über PRO oder CONTRA, sondern die Frage richtet sich einzig und allein an die künstlerische bzw. kulturelle Betrachtungsweise! Ich bitte dieses zu beachten.


    Quellennachweise:
    COSSÍO, LOS TOROS, Band 10 und 11, Espasa S.L., Calpe 2007
    Wiesbadener Tagblatt vom 11.10.2008: Beim Stierkampf immer in der ersten Reihe
    Theophile Gautier, Reise in Andalusien, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1977
    Ernest Hemingway, Fiesta, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1950
    Ernest Hemingway, Tod am Nachmittag, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1957
    Larry Collins & Dominique Lapierre, … oder du wirst Trauer tragen, Goldmann Verlag, München 1988
    Rolf Neuhaus, Der Stierkampf – Eine Kulturgeschichte, Insel Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2007
    Karl Braun, Der Tod des Stieres,Verlag C.H. Beck, München 1997
    Antonio Gala, Paisaje andaluz con figuras, Editoriales Andaluzas Unidas, Granada 1984
    Rainer Bischof, Heilige Hochzeit, Böhlau Verlag, Wien 2006
    Lorenz Rollhäuser, Toros, Toreros, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1990
    Alison Louise Kennedy, Stierkampf, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1999
     
    #1 11. November 2008
  2. Sidona
    Sidona New Member
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    Erstmal - Kunst ist ein Teil der Kultur.

    Stierkampf ist eine Kunst. Kunst ist etwas das alle Jahrzehnte und Jahrhunderte, Krisen, Kriege und Regierungsformen nicht nur überdauert, sondern sich auch entsprechend ändert. Kunst ist immer ein Spiegel einer jeweiligen Epoche. Das sieht man auch an der corrida. Natürlich ist dies für einen Aussenstehenden nicht gleich nachvollziehbar, da man den Wandel nicht so kennt.
     
    #2 11. November 2008
  3. Amena
    Amena Member
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    Dass Stierkampf Kunst ist, steht für mich außer Frage. Aber ich habe doch Probleme mit einigen Deiner Ausführungen. Kunst ist nicht nur das "Ergebnis einer menschlich kreativen Gestaltung", sie ist auch die kreative Gestaltung selbst, d.h. der Ablauf - denken wir z.B. an Ballett (woran ich seltsamerweise im Zusammenhang mit Stierkampf immer denken muss).

    Ich hätte weniger Probleme mit dem Stierkampf, wenn man es dabei beließe.


    Der Tod als ein Mittel zur Kunst? Ich sehe das eher so: Die Kunst, die sich mit dem Tod beschäftigt, versucht ihn selbst und was zu ihm führt zu verarbeiten, indem sie das Thema des Todes bearbeitet. Also andersherum: die Kunst als Mittel zum Begreifen des Todes. So auch sichtbar in Guernica.


    Saludos,

    Amena
     
    #3 11. November 2008
  4. Gast1805
    Gast1805 Guest
    Da kann ich Dir nur zustimmen. Und ich habe es auch gleich im nächsten Absatz erwähnt:
    Du hast weiter geschrieben:
    Sehe ich genauso. Ich beginne ja schließlich keine Krieg um Kunst oder andere kulturelle Gattungen zu schaffen. Kunst ist Interpretation und die bewusste Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema, in diesem Falle der Tod, und die daraus entstehende Kommunikation mit dem Publikum. Und dieser Dialog scheint mir wichtig, denn Kunst kann nicht nur informieren, darstellen oder interpretieren, sondern auch provozieren.
     
    #4 11. November 2008
  5. Musaion
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    Ich finde die Frage nicht so glücklich gestellt. Immerhin interessant, dass Sidona und Amena so spontan bereit sind, sie mit "Ja" zu beantworten.

    Der Hinweis Philips auf das Ergebnis scheint mir nicht so abwegig zu sein. Wir bringen mit dem modernen Begriff der (schönen) Kunst ja das Konzept des (Kunst-)Werks zusammen: für uns gibt es keine Kunst ohne Werk. Sogar die Improvisation wird als Werk, als Ergebnis aufgefasst (man kann sie aufzeichnen und hat dann quasi ein Werk). Kunst ist die Herstellung eines künstlerischen, d.h. ästhetisch wahrnehmbaren, schönen, u.U. den Geschmack bildenden Werks oder der Inbegriff solcher Werke.

    Von der Antike bis in die frühe Neuzeit bedeutete "Kunst" (techne, ars) das Wissen und das Können, auf einem bestimmten Gebiet etwas regelkonform herzustellen, zu machen. Da gab es auch z.B. die Heilkunst, die Kochkunst und die Kriegskunst (diese Wörter kennen wir ja auch noch) oder die Sprachkunst (Grammatik), die Denkkunst (Logik), die Redekunst (Rhetorik) und die Dichtkunst (Poetik).

    Der Stierkampf wäre für die Alten eher ein Spektakel, ein Schau-Spiel, als eine Kunst oder ein Kunstwerk. Und ich glaube, das führt uns auch weiter. (Außer, man will nicht mehr sagen als dass es Toreros gibt, die ein beeindruckendes Können zeigen.)

    Die kulturelle Bedeutung des Stierkampfes scheint mir weniger in der Schönheit (des Kampfes), der ästhetischen Erbauung oder der Ausbildung des Geschmacks zu liegen (traditionelle Funktionen der Kunst), auch nicht in der allgemeingültigen Formulierung einer Aussage (etwa der Verweigerung des Konsums oder der Zustimmung zur Ausbeutung der Schwachen) oder der Erweiterung der Ausdrucksmittel (alternative Funktionen moderner Kunst); allenfalls das Moment der Perfektion der Bewegungsfolgen (und der "Choreographie")ließe sich mit Dingen, die für uns "Kunst" sind, vergleichen (Ballett, Theater, Musik) - aber auch mit dem Sport (Eiskunst(!)lauf, Tanz - ist Tango eine Kunst? -, Boxen, ...)!

    Das Spektakel hingegen hat - in der Antike - eine Beziehung zum Kult, zum Opfer, zur Prophetie; das gilt auch - hinsichtlich der Entstehung wenigstens - für das griechische Theater (auf dem allerdings kein Blut floss).
    Wäre der Stierkampf eine Kunst, würde er vermutlich die Gemüter weit weniger erhitzen.

    Saludos
     
    #5 11. November 2008
  6. mso
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    War Amena schon drauf eingegangen, möchte trotzdem noch anmerken das Picasso in Guernica nicht nur den Tod, sondern vor allem sein Entsetzen und Ohnmacht gegenüber der Greuel dieses Bombenagriffs auf die Zivilbevölkerung dieses kleinen Baskenstädtchens zum Ausdruck bringt. Wenn man vor dem mannshohen Kachelbild in Guernica steht wirkt es noch bedrohlicher. Ich sehe darin nicht -Tod als Mittel zur Kunst-, eher den Ausdruck des Schreckens und Entsetzens und der Hilflosigkeit, gegenüber der Art und Weise des Verreckens im Bombenhagel.

    , Picasso starb bereits 1973, zwei Jahre vor Franco.
     
    #6 11. November 2008
  7. Amena
    Amena Member
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    Vielleicht erhitzt er die Gemüter so sehr, weil er beides ist - Kunst und Spektakel? Schließlich eine verwirrende Kombination.

    Bei Spektakel und Antike denke ich eigentlich mehr an das römische Amphitheater als an das griechische Theater. :wink: Und gröbere Formen des Kampfes mit Stieren und anderen Tieren hat man dort ja auch vorgeführt. Aber das war ja wohl nur Spektakel, ganz und gar ohne Kunst.

    Zum Spektakel wird der eigentlich kunstvolle Stierkampf m.E. erst durch die - vom Publikum zunächst erwartete und dann vollzogene - Tötung des Stieres (die vielleicht ja auch etwas mit Opferung zu tun hat, ich denke da an den Mithras-Kult).


    Saludos,

    Amena
     
    #7 11. November 2008
  8. Sidona
    Sidona New Member
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    Wobei man nicht vergessen darf dass ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftige und das in einem Umfeld (nämlich in Spanien logischerweise) wo es überhaupt keine Diskussion gibt ob el arte del toreo Kunst ist. Auch erkenntlich dass bei der jährlichen Auszeichnungen der Schönen Künste (Bellas Artes) immer auch ein Matador dabei ist.

    Aber drehen wir doch mal den Spiess um - wenn wir Stierkampf NICHT zur Kunst rechnen würde, wo würden wir ihn dann einordnen (und dass mir jetzt bloss niemand Sport schreibt!)?

    Aber auch in dem Thema Kunst verwischen sich die Grenzen oft - schon angetönt der Tanz. Niemand würde ein Ballett als Sport bezeichnen (obwohl die Tänzer/innen sportlichen Höchstleistung bieten), sehr wohl gibt es aber Tanz als Sport. Oder die Darstellung sexueller Kunst - wann ist es Kunst und wann Pornografie? Viele eindeutige Szenen alter Meister hängen als Kunst in Museen ohne dass sich jemand darüber aufregt. Kunst kann also sehr vielfältig sein.
     
    #8 11. November 2008
  9. Musaion
    Musaion New Member
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    Ich wollte natürlich nicht deine Kompetenz in Zweifel ziehen, liebe Sidona! :wink: Und dass man in Spanien den Stierkampf so eindeutig unter die Künste einreiht, das war mir tatsächlich nicht so bewusst! :idea:

    Mit dem Verweis auf das griechische Theater habe ich noch etwas anderes im Sinn - wir hatten diese Fragen (einschließlich Mithras-Kult) schon einmal in dem Thread "Kirche und Stierkampf" berührt, und ich werde dazu später noch einmal eine Passage aus einem Buch zitieren. 8)

    @Sidona: meinst du wirklich "Darstellung sexueller Kunst" oder doch "künstlerische Darstellung von Sex/sexuellen Handlungen" (oder auch Sexualität?)?

    Saludos
     
    #9 11. November 2008
  10. Sidona
    Sidona New Member
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    So habe ich das auch nicht aufgefasst, ich wollte nur damit ausdrücken dass es für uns aficionados normal ist dass es zur Kunst zählt. Man wird in spanischen Tageszeitungen Stierkampfkritiken auch immer im Kulturteil finden.

    Zweiteres - ich kam durch einen Freund darauf, dessen Hobby ebendiese Kunstform - also in Form von Gemälden - ist. Vor einiger Zeit kam auch ein Bericht im TV über das Thema, da gibt es Museen, die Bilder von berühmten alten Meistern im Keller lagern und sie nicht wagen sie auszustellen, zum Teil sogar negieren dass dieser namhafte Maler sich überhaupt so einem Thema gewidmet hatte.

    Aber wir schweifen mal wieder ab...
     
    #10 11. November 2008
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