Steingress: Cante Flamenco

Dieses Thema im Forum "Spanien - Bücher, Reiseführer, Karten, und Magazin" wurde erstellt von Ibn Khaldun, 19. August 2006.

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  1. Ibn Khaldun
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    Steingress: Cante Flamenco
    Gerhard Steingress: Cante Flamenco. Zur Kultursoziologie der andalusischen Moderne

    Wie so oft, leite ich diesen Text mit einem 'eigentlich' ein: Eigentlich habe ich es mir zur Maxime gemacht, in der Bücherecke nur Bücher vorzustellen, die, sofern es sich um Sachbücher handelt, sich nicht ausschließlich an ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern auch an ein breiteres Laienpublikum wenden. Das Buch Zur Kultursoziologie der andalusischen Moderne von Gerhard Steingress wendet sich jedoch dezidiert an ein wissenschaftliches Fachpublikum. Aber in ihm sind fundierte Antworten auf einige der Fragen enthalten, die wir uns hier im Forum, besonders in der Abteilung Spanische Musik schon mehr oder weniger spekulativ zu beantworten versucht haben. Daher stelle ich das Buch hier entgegen meiner Maxime doch etwas breiter vor:

    Das zunächst auf Spanisch unter dem Titel Sociología del Cante flamenco erschienene Buch des aus Österreich stammenden Soziologieprofessors Gerhard Steingress (Universidad de Sevilla) erhielt 1991 den Forschungspreis der Fundación Andaluza de Flamenco (heute Centro Andaluz de Flamenco, in Jerez) und wurde im Folgenden ins Deutsche übertragen und grundlegend für den deutschsprachigen Markt überarbeitet (Übersetzung durch Georg Pichler). Das Buch hat 530 klein bedruckte Seiten, und ist unterteilt in drei Teile mit einer fortlaufenden Kapitelzählung. Der erste Teil, Cante flamenco und Kunstbegriff, umfasst die ersten drei Kapitel. Der zweite Teil, Kritik der traditionellen Flamenco-Forschung zieht sich über die Kapitel vier bis sechs, der dritte und letzte Teil, Flamenco und Gesellschaft schließlich die Kapitel sieben bis elf.

    Die deutsche Fassung des Buches wendet sich – laut Vorwort – besonders an Studenten und Dozenten der Hispanistik, es kann (und will) aber aufgrund seiner wissenschaftlichen Terminologie seinen Ursprung als soziologische Studie nicht verhehlen. Etwa wenn es heißt (272):
    Das Buch ist selbstverständlich nicht durchgängig so abstrakt gehalten.
    Als musikwissenschaftliche Studie will der Autor sein Buch nicht sehen, dazu fehle ihm die Kompetenz. Dennoch macht er sich Gedanken über die Ästhetik der Musik, die er in ihren volkstümlichen Varianten durchaus als "Sprache des Gefühls" versteht (77).

    Der Autor betrachtet zwar den Flamenco Andalusiens insgesamt, widmet seine Aufmerksamkeit aber besonders der Entwicklung der Flamenco-Szene in Sevilla (Kapitel 11).
    Steingress sieht den Flamenco als eine musikalische Entwicklung des 19. Jahrhunderts an. Der Flamenco sei "von der innerhalb der Industriekultur neu entstandenen Schicht des urbanen Subproletariats stark geprägt" worden, was auch den "deutliche[n] Einfluss des zigeunerischen Elements" erkläre (211). Die gitanos haben sich nämlich, so erklärt er, in den vorherigen vier Jahrhunderten mit der sonstigen, nicht sesshaften Bevölkerung Spaniens vermischt, haben also ihren ethnischen Charakter verloren (210, 279); der Autor führt dafür auch einige gut ausgesuchte Dokumente an, die dies belegen (249, 279). Die gitanos bildeten schon im 18. Jahrhundert keine eigenständige ethnische Gruppe mehr, als die sie nach wie vor von breiten Kreisen der Bevölkerung gesehen würden und wie sie sich mitunter auch intern sähen, sondern eine soziale Schicht, eben jene des untersten städtischen Proletariats.
    Steingress unterstreicht die Rolle der Latifundienwirtschaft besonders Westandalusiens (274) für die Entwicklung dieses sozialen Milieus, welches so 'zigeunertypisch' sei. Unter die mit den ursprünglichen Zigeunern vermischten, zählt er außer besitzlosen Landarbeitern, Kleinkriminellen und städtischem Subproletariat auch vereinzelte der Vertreibung entgangene moriscos, und einzelne als Sklaven nach Spanien eingeführte Berber, Schwarzafrikaner oder Indios(417), wobei dies die mehrhundertjährige Dauer dieses Vermischungsprozesses verdeutlicht. Er ist allerdings der Meinung, dass das maurische bzw. moriskische Element nicht überbewertet werden dürfe, wie das vor allem die spanischen Kostumbristen und Romantiker getan hätten (231) oder die romantischen Reisenden aus dem Ausland die in der "ursprünglichen" Kunst des Flamenco das Erbe von al-Andalus wiederentdecken wollten.
    Dabei leugnet der Autor solche Einflüsse nicht, als eine Wurzel des z.B. des cante jondo sieht Steingress die saetas, die traditionellen Karwochengesänge, was den Flamenco zu einer Erscheinungsform der Volksreligiosität mache (301). Die saetas hätten ihrerseits wiederum ihren Ursprung in der mittelalterlichen Musik al-Andalus'. Die Tänze seien aus den mittelalterlichen zarabandas entstanden, welche im 19. Jahrhundert "bolerisiert" worden wären (355).
    Steingress zeigt auch, dass die Verklärung des Flamenco als typisch andalusisch und in der andalusischen Identität seit den Tartessiern begründet, ihren Hintergrund in der politischen Richtung des Andalucismo habe. Und dessen erklärtes Ziel sei es, die nationale Eigenständigkeit Andalusiens zu unterstreichen (138); damit sei die ältere Flamenco-Forschung in großen Teilen als pseudowissenschaftlich zu identifizieren. Die pullae gaditanae, von denen Marcial und Plinius Minor berichten, wurden von Romantikern genauso dazu benutzt, wie die bis zu achthundert Jahre dauernde Maurenherrschaft. Man dürfe die älteren Tänze und Lieder aber eben nicht einfach mit dem Flamenco gleichzusetzen, wie dies in der Flamencología der Vergangenheit häufig geschehen sei. Ältere Nachweise für Zigeunermusik, wie wir sie etwa bei Cervantes, Lope de Vega und anderen in- und ausländischen Autoren finden, bezeichnet der Autor als 'vorflamenkinisch', und er zeigt an Beispielen der Literatur und Publizistik, dass diese besonders von Außenstehenden als 'zigeunerisch' wahrgenommen Gesänge und Tänze von Anfang an nicht ausschließlich von Zigeunern gesungen und getanzt wurden, sondern im Gegenteil, dass besonders unterstrichen wurde, wenn gitanos an solchen Auftritten teilnahmen. Somit bestünde eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung und der Wirklichkeit.

    Wir hatten oben schon über den Verlust der Ethnizität der gitanos gesprochen. Zweifler könnten nun einwenden, dass die Zigeuner nach wie vor ihre eigene Sprache behalten hätten, also auch noch heute eine ethnisch eigenständige Gruppe bildeten.
    Dass sich eine Zigeunersprache trotzdem erhalten habe, und Teil des Flamenco sei, erklärt Steingress mit der hohen Schule der Gefängnisse. Die Sprache habe die Rolle des Soziolektes angenommen. Nach Siegmund A. Wolf (Großes Wörterbuch der Zigeunersprache. Romani tsiw. Wortschatz deutscher und anderer europäischer Zigeunerdialekte, Hamburg ²1987), auf den Steingress sich hier beruft, ist caló bzw. kalo, die Sprache der andalusischen Zigeuner, eine Kunstsprache, die sich aus dem andalusischen Dialekt, der Gaunersprache und einigen wenigen Wörtern des Romani, also des eigentlichen Zigeunerischen entwickelt habe. Der Sprachname stamme aus dem Romani und bedeute ursprünglich ‚schwarz’, würde aber auch benützt um andere Dinge zu bezeichnen, z.B. die Polizei. Es handele sich bei dem caló also nicht mehr um eine indische Sprache, sondern um eine Geheimsprache, wie sie typisch für Kleinkriminelle, Pferdehändler und Fahrende ist (solche Sprachen gibt es überall auf der Welt).

    Auch zu Debatte um den neuen Flamenco (auch Flamenco Fusión) äußert sich Steingress (S. 19/20, Fußnote):

    Diese Veränderung sei notwendig, um den Flamenco nicht "in folkloristische Ware und Blendwerk" abgleiten zu lassen. Der Purismus instrumentalisiere den Flamenco, weil er den Flamenco zu einem "Katalysator einer totalitären andalusischen Identität" mache, also je mehr fusión, desto weniger typisch andalusisch sei er, so die Puristen. Die Frage nach Flamenco puro oder nuevo sei also auf der Seite der "Puristen" eine vorwiegend politische (Steingress charakterisiert diese Sichtweise als "nationalistischen Wahn", S. 42) und nur auf der Seite der "Heterodoxen" eine ästhetische. Zudem meint Steingress diese Diskussion würde mehr unter den "Liebhabern" geführt, während die Musiker vor allem eines machten: musizieren.
     
    #1 19. August 2006
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