Nur ein Geistermärchen? Tanja Kinkels "Mondlaub"

Dieses Thema im Forum "Spanien - Bücher, Reiseführer, Karten, und Magazin" wurde erstellt von Ibn Khaldun, 2. November 2006.

Booking.com
  1. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
    Registriert seit:
    12. Januar 2004
    Beiträge:
    807
    Zustimmungen:
    0
    Punkte für Erfolge:
    16
    Ort:
    Münster/Granada (2002/3)
    Nur ein Geistermärchen? Tanja Kinkels "Mondlaub"
    Tanja Kinkel ist als Autorin historischer Romane immer wieder in den Bestsellerlisten vertreten. Einer ihrer zahlreichen und andauernden Erfolge ist seit 1995 das Buch Mondlaub, welches die Ereignisse im Königreich Granada und in Kastilien von 1471 – 1492 u.a. aus der Sicht von Boabdil und Isabel de Solís, aber hauptsächlich der Prinzessin Layla, einer erfundenen Figur, erzählen.

    Layla ist die Tochter von Isabel de Solís, die als Zoraya zur zweiten Ehefrau des Emirs von Granada aufsteigt. Der Konflikt Zorayas mit der berühmten Mutter Boabdils ist vorprogrammiert und kostet ihren Sohn Tariq (ebenfalls eine erfundene Figur), den Zwillingsbruder Laylas, schließlich das Leben. Layla wird zu einer Grenzgängerin zwischen dem muslimischen Königreich von Granada und dem Hof der Katholischen Könige. Die Handlungsweise Laylas ist dabei die einer erwachsenen Frau. Dabei vergisst man teilweise ihr noch junges Alter über weite Strecken des Romans, an dessen Ende sie gerade Mal neunzehn Jahre alt ist. Schließlich nimmt sie Kontakt mit dem Geist Yusuf auf – hier schwankt der Roman zwischen den Genres des historischen Romans und des Fantasy-Romans. Yusuf war Jude und hilft ihr auch, Kontakt mit Juden aufzunehmen, womit die dritte der drei Religionen des mittelalterlichen Spanien mit im Boot sitzt. Es handelt sich bei Yusuf im Übrigen um eine tatsächliche historische Figur, den 1066 in Granada ermordeten Großwesir, der angeblich den damaligen Thronfolger ermordet haben soll, woraufhin es zu einem Pogrom gegen die Juden in Granada kam, bei dem etwa 4000 Menschen ihr Leben verloren.
    Nur soviel zur Romanhandlung.

    Im Roman begegnen wir einer historisch sehr fragwürdigen Schwarz-Weiß-Darstellung: die Muslime sind gut, die Christen sind schlecht, die Muslime sind tolerant, die Christen haben die Inquisition. Muslime haben eine feine Bäderkultur, Christen waschen sich bloß drei Mal im Leben...
    Die vielbeschworene Toleranz in al-Andalus wird im inneren Monolog des jungen Boabdil gleich zu Beginn des Romans thematisiert:
    Da der innere Monolog hier nicht dazu dient, etwa in Boabdils Gedankenwelt einzudringen, sondern vielmehr dazu, den Leser mit historischen Informationen zu füttern, muss man an dieser Stelle einfach feststellen, dass dieser Info-Input falsch ist. Zwar war al-Andalus in seinen Glanzphasen tolerant, aber gerade während des 12. Jahrhunderts erlebten Spanien und Marokko die Herrschaft der Almoraviden und Almohaden, zweier berberischer Orden, die Juden wie Christen verfolgten. Die Herrschaft der Nasriden, also der Dynastie Boabdils, schloss sich direkt an die Herrschaft der Almohaden an, nachdem diese Herrschaft in der Folge der Schlacht von Las Navas de Tolosa zusammengebrochen war.

    An anderer Stelle wird die öffentliche Diskussion über die Heirat des Emirs Abu l-Hassan Ali mit der Christin Isabel de Solís wiedergegeben:
    Gerade in der Blütephase al-Andalus’, während des Umayyadenemirats und –kalifats, achtes bis elftes Jahrhundert, waren es immer wieder Christinnen, bzw. zum Islam übergetretene Frauen christlicher Herkunft, welche die Mütter späterer Herrscher waren, sei es, dass sie als Sklavinnen an den Herrscherhof kamen, sei es, dass sie eine politische Ehe eingegangen waren, also aus den Herrscherhäusern des Nordens stammten. Auch in den verschiedenen taifa-Königreichen, besonders des Nordens, gab es im elften Jahrhundert nicht nur politische, sondern auch familiäre Verbindungen zu den angrenzenden Königreichen.

    Ein Anachronismus - abgesehen von der Figur des Yusuf, die drei Jahrhunderte nach ihrem Tod durch die Erzählung spukt - kommt gleich zweimal vor: im Buch wird Schokolade gereicht, einmal als Süßigkeit, einmal als Getränk, und das alles vor der Entdeckung Amerikas!

    Gegenüber den sehr detailgenauen Beschreibungen der Alhambra fällt die geographische Unkenntnis der Autorin auf, was den spanischen Süden betrifft. Derselbe Feldherr, der Alhama erobert hat, bekommt von den Katholischen Königen den Auftrag Málaga zu erobern. Sein Problem ist dabei weniger die Größe der Stadt, als ihre Lage im Königreich Granada. Realistisch betrachtet war aber das Handelszentrum Málaga damals schon viel einfacher zu erreichen – sei es über Land oder über das Meer, als Alhama de Granada, welches im Herzen des maurischen Königreiches, etwas abseits der Hauptreiserouten lag. Einem Irrtum unterliegt die Autorin wahrscheinlich, als sie Loja in die Nähe Murcías verlegt. Vermutlich hat sie Lorca in Murcía mit Loja verwechselt und sich damit Boabdils Seitenwechsel (vom Vasallen der Katholischen Könige in Murcía zum Verbündeten seines Onkels in Granada) erklärt: ein Angriff auf Lorca wäre die Bestätigung für Boabdil gewesen, dass seine Lehnsherren ihm misstrauten.

    Sprachlich bemüht sich die Autorin die Transkription des Arabischen korrekt wiederzugeben (man bemerkt hier häufig die Handschrift der Orientalistin Annemarie Schimmel, die sich eine sehr laienfreundliche Art der Transkription aus dem Arabischen hat einfallen lassen, die aber nur im Deutschen funktioniert), beim Spanischen hapert es aber. Fallweise gebraucht sie das spanische <ñ>, fallweise aber auch nicht (Dueña und Doña, aber Almunecar statt Almuñécar). Akzente setzt sie überhaupt nicht. Das stört vielleicht den durchschnittlichen deutschen Leser nicht, irritiert aber Spanischsprechende.

    Die Erzählung ist – trotz ihrer zahlreichen historischen Fehler oder Vereinfachungen – inhaltlich logisch und spannend aufgebaut, wenn man vielleicht von dem Geist Yusufs absieht, dessen Auftreten aus dem Buch einen Fantasy-Roman macht. Die anfängliche Schwarz-Weiß-Malerei wird im Verlaufe des Romans ein wenig gemildert, v.a. durch das Auftreten von gemäßigten Christen. Wenn man also den entsprechenden Hintergrund hat, und nicht auf die leider sehr fehlerhaften historischen Informationen aus dem Buch angewiesen ist, sondern es einfach als spannend geschriebene Geschichte sieht, dann kann man es gut lesen.
     
    #1 2. November 2006
  2. coliflor
    coliflor New Member
    Registriert seit:
    25. November 2005
    Beiträge:
    288
    Zustimmungen:
    0
    Punkte für Erfolge:
    0
    Ort:
    Auxburg
    Das mit der Schokolade hab ich mich auch schon gefragt, und die Fehler in spanischen Namen fallen einem - hat man sie einmal bemerkt - auch immer wieder auf.

    Ich fand die Geschichte nett, aber nicht überwältigend. Eines der Bücher, die ich zwar gelesen hab, aber nicht unbedingt besitzen muss.
     
    #2 2. November 2006
  3. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
    Registriert seit:
    12. Januar 2004
    Beiträge:
    807
    Zustimmungen:
    0
    Punkte für Erfolge:
    16
    Ort:
    Münster/Granada (2002/3)
    Ein entfernter Bekannter, der mit der Autorin zusammen studiert hat und mit ihr lose befreundet ist, teilte mir vor kurzem mit, dass in den Neuauflagen von Mondlaub zumindest die Schokoladenpassagen abgeändert wurden. Pech für diejenigen, die alte Ausgaben besitzen oder in der Bücherei erwischen.
     
    #3 7. Dezember 2006
Die Seite wird geladen...
Das könnte Sie auch interesieren
  1. Federico García Lorca

    Federico García Lorca: ¡Hola! Ich habe große Schwierigkeiten mit dem Zugang zum Großteil von García Lorcas Werk. Es gibt nur eine Handvoll Gedichte, die ich begreifen kann - nur das ein oder andere Ghasel aus dem "Divan des Tamarit" und ein Bruchteil von "Dichter in...
  2. Frankfurter Buchmesse 2005

    Frankfurter Buchmesse 2005: Ich hab in einem von mir beinahe unbenutzten e-mail-Postfach heute folgende mail gefunden: [quote]Liebe Besucher der Frankfurter Buchmesse, haben Sie noch Zeit für einen kleinen Abstecher von Ihrer Terminroute? Seit der Buchmesse Frankfurt...
  3. Die Mauren Arabische Kultur in Spanien von Arnold Hottinger

    Die Mauren Arabische Kultur in Spanien von Arnold Hottinger: Liebe Geschichts- und Andalusienliebhaber, hier das Vorwort des von mir empfohlenen Buches: Die Präsenz und kulturelle Blüte der Muslime in Südspanien während insgesamt acht Jahrhunderten ist alles andere als eine Randepisode der...
  4. GoogleEarth-Touren by Ibn Khaldun

    GoogleEarth-Touren by Ibn Khaldun: [url=http://www.tina-sommer.de/board/viewtopic.php?t=1991&start=30&postdays=0&postorder=asc&highlight=]In diesem Thread, Seite zwei, vorletzter Beitrag[/url], hat John ja schon mal drei von ihm erstellte Touren zum Download eingestellt. Ich bin...
  5. Mit einem Lächeln im Knopfloch...

    Mit einem Lächeln im Knopfloch...: Nein, keine Buchbesprechung, nur ein Beispiel, wie es selbst einem grossen Verlag gehen kann... Vor kurzem kam die 11. Auflage von Baedekers Reiseführer [b]Spanien[/b] auf den Markt, ist so druckfrisch, dass er noch nicht mal auf ihrer HP zu...
  6. Semana Santa: Bolas de cera - Wachskugeln

    Semana Santa: Bolas de cera - Wachskugeln: Hola a tod@s Cuando vi últimamente en la tele alemana la peli [i]Die Bruderschaft des Todes[/i] ([i]Nadie conoce a nadie[/i]) vi, que en una escena había un niño que colectó cera de las velas de los penitentes para formar una bola (es...
  7. Wenn sich Stierkampf und Archäologie treffen...

    Wenn sich Stierkampf und Archäologie treffen...: Nach zwei, drei Sekunden Überlegung, wo ich dieses Thema denn nun posten solle, beim Stierkampf oder bei der Geschichte, habe ich mich für Andalusien entschieden 8) Gestern wollte ich mich über den Fortgang der Tunnelarbeiten an der Avenida...
  8. Steingress: Cante Flamenco

    Steingress: Cante Flamenco: [b]Gerhard Steingress: [i]Cante Flamenco. Zur Kultursoziologie der andalusischen Moderne[/i][/b] Wie so oft, leite ich diesen Text mit einem 'eigentlich' ein: [i]Eigentlich[/i] habe ich es mir zur Maxime gemacht, in der Bücherecke nur Bücher...
  9. Juan Ramón Jiménez en Andalucía hoy

    Juan Ramón Jiménez en Andalucía hoy: ¡Hola a todos! Was die Unmenge :mrgreen: an Veranstaltungen zum 50. Todestag von Juan Ramón am 29.5.08 (oder, manchen zufolge, am 28.5.) betrifft, siehe:...
  10. Reiselesebuch Thema 'Andalusien'

    Reiselesebuch Thema 'Andalusien': Geschätzte Forummitglieder Dieses kleine Reiselesehandbuch, herausgegeben von Wolfram Weimer, Verlag Ellert & Richter, setzt sich aus 21 Reiseberichte in Essayform zusammen. Insgesamt 141 Seiten. Hier die Zusammenfassung zum Inhalt: 'Millionen...