"Santa" Isabel la católica?

Dieses Thema im Forum "Spanische Kunst & Geschichte" wurde erstellt von Gast1975, 22. April 2007.

Booking.com
  1. Gast1805
    Gast1805 Guest
    PROLOG: Wenn man mal die Zeilen, deren Wahrheitsgehalt ich auf keinen Fall in Frage stellen möchte, einfach nur auf sich wirken lässt, dann könnte sich geradezu ein Mitgefühl mit den ach so armen Spaniern entwickeln. Haben sie doch neue Inseln, gar einen Kontinent entdeckt, Reichtum und Wohlstand nach Europa gebracht, die Wissenschaft mit geografischen Kenntnissen bereichert und schließlich einen großen Beitrag zu Christianisierung geleistet. Und als Undank erfahren sie, dass die Christianisierungsgesellschaft gar so brutal vorgegangen sein soll.


    Die hidalgos waren nicht wenige Einzelkämpfer, sondern Führungspersonen, deren mehrere Soldaten unterstanden, die als Befehlsempfänger die eigentlichen Gräueltaten ausübten. Und bitte was heißt denn „wenige Tausend“? Reden wir von 1.000, 5.000, 10.000, 100.000 oder gar viel mehr. Aber die Zahl spielt im Grunde genommen gar keine Rolle, denn nur weil weniger getötet worden sind, mindert das noch lange nicht die brutale Vorgehensweise der Eroberer. Oder sind wir im Zeitalter des modernen Nachrichtenwesens schon dermaßen abgebrüht, das uns tausende von hingerichteten Personen nicht mehr berühren, weil täglich hunderte von Menschen durch Gewalt sterben?

    Und die Inquisition war natürlich ein politisches Machtinstriument denn eine Tötungsmaschinerie. Gewiss es wurden nur 2.000 Seelen hingerichtet, aber die knapp 50.000 Prozesse waren für die Angeklagten gewiss keine psychologische Erholungspause. Eher ein Horrortrip. Die Angst wird wunderbar im Buch Goya von Feuchtwanger beschrieben.

    Zurück nach Amerika. Natürlich starb der Großteil an den eingeführten Krankheiten, allen voran Pocken, Masern und die Grippe. Man könnte glatt meinen, dass hier schon die ersten Grundgedanken zur biologischen Kriegsführung ihren Ursprung hatten.

    Gewiss, gewiss, weder Staat noch Kirche konnten am Tod der Indianer interessiert sein. Machten sie doch durch ihr Dahinsterben der Politik geradezu einen Strich durch die Rechnung. Denn wegen eben ihrer Anfälligkeit eigneten sie sich die Indianer nicht mehr für den Sklavenhandel. Oder wollten die caballeros etwa die armen Indianer nur ausbeuten? Denn wohl nicht alle Indios saßen auf Schatztruhen. Und die Kirche diesen menschlichen Seelen helfen? Bartholomé de Casas zählte da sicherlich zu den Ausnahmen.

    Da war es nur naheliegend das Beste aus der Situation zu machen. Die Indianer zur Beihilfe zu überreden und nebenbei zu christianisieren. Welch edle Gedanken der viel edleren Conquistadores sich so muttervoll um die Einwohner des neuen Kontinents zu kümmern, wobei es ihnen zugestanden werden mußte, deren Reichtum und Wohlstand jedoch in Grenzen zu halten. Und wirft man einen Blick in die Gegenwart Südamerikas, irgendwie schweben die Gedanken der Armut und der Ausbeutung nach wie vor wie ein Geist über den neuen Ländern.

    Doch bevor man es rechtfertigen muss, schweigt man lieber. Vergisst es einfach und holt sich nur die positiven Erinnerungen ins Gedächtnis.

    Vergangenheitsbewältigung, besonders verwerflicher Geschichte war noch nie die Stärke der Spanier. Wenn ich mich manchmal mit Spaniern zum Beispiel über den Bürgerkrieg 1936 unterhalte, schleicht sich ab und zu mal bei mir ein Gefühl ein, als ob es ihn gar nicht gegeben hätte. Guernica? Das waren doch die Deutschen sowie wenige Italiener, jedoch die Vorteile für die Franquisten, hat man vergessen. Oder was ist mit dem 16-M. Keine Frage, ein grausamer, brutaler und ein vollkommen zu verurteilender terroristischer Anschlag, welches das Land jedoch in einen doppelten Schockzustand versetzte. Das Attentat allein war schon schlimm genug, doch die Spanier wurden ebenfalls an etwas erinnert, was man eigentlich eher vergessen wollte. Die indirekte Mitschuld am Krieg im Irak. Nicht schuldig? Aber bitte doch. Wir leben in einer Demokratie, und der Weg zu den Entscheidungsgremien wurde durch das spanische Volk gewählt. Ausreden kann es nicht geben. Nein, man möchte an so etwas nicht immer erinnert werden. Auch den 16-M würde man am liebsten in die Vergessenheit verdammen, schnell noch bis Oktober die Schuldigen verurteilen und weg!

    Aber die Spanier bleiben davon nicht verschont. Nicht nur weil die terroristische Präsenz stets erneut weltweit für Aufsehen erregt, sondern weil die Sozialisten schon längst wieder den 16-M als politisches Druckmittel für die nächste Wahl erkannt haben. Das nennt man dann aus den Fehlern zu lernen.


    EPILOG: Ihr dürft oben Geschriebenes nicht alles zu wörtlich nehmen. Es soll lediglich aufzeigen, wie schwer sich die spanische Bevölkerung mit der Bewältigung ihrer Vergangenheit tut. Dabei habe ich mir in der letzten Zeit auch schon die Frage gestellt, wollen sie es wirklich vergessen, also bloß nicht darüber sprechen, oder verbirgt sich dahinter simple Interessenlosigkeit? Schon vor längerer Zeit sagte mir ein Sevillaner, jedoch in einer beruflichen Angelegenheit: „Wir sind stolze Andalusier und da fällt es uns eben schwer Fehler einzugestehen!“. Vielleicht ist dieses einer der Hauptantriebskräfte iberischer Kulturen, etwas in die verbale Stille zu verbannen.
     
    #11 26. April 2007
  2. Gast1975
    Gast1975 Guest
    Hallo Philip,
    interessant, Deine Ausführungen.
    Zum Thema Vergangenheitsbewältigung möchte ich jedoch noch einen anderen Aspekt hinzufügen: sicher tut man sich hierzulande schwer, Dinge aus der älteren oder jüngeren Geschichte aufzuarbeiten. Aber: ist das nicht natürlich?
    Wenn man sich anschaut, was in den letzten gut hundert Jahren mit diesem Land passiert ist, finde ich es eigentlich nur verständlich, wenn man erstmal darüber zurückschreckt, sich damit zu beschäftigen, zudem alles ja sehr komplex ist.

    Ich würde da 1898 anfangen, Verlust der letzten Kolonien, dann innenpolitisches Chaos, Diktatur, Republik, Bürgerkrieg, wieder Diktatur, dann eine transición und wirtschaftlicher Aufschwung, den kaum ein anderes Land in dieser Geschwindigkeit hinter sich gebracht hat. Und dann ist man auch schon mitten in der Weltpolitik angelangt, ohne dass auch nur eine Generation die Zeit gehabt hätte, sich mit dem Vergangenen auseinander zu setzen. Ist einfach alles ein bisschen viel, nicht?

    Wenn man überlegt, wie lange wir in Deutschland gebraucht haben, uns auch nur halbwegs normal mit dem Thema "Drittes Reich" auseinander zu setzen, wenn wirs überhaupt tun. Nicht nur in meiner Familie ist das sicherlich auch kein leichtes und beliebtes Sonntags-Thema.

    Aber interessant auf jeden Fall, ich versuch ja auch immer mal wieder, mit Spaniern darüber zu reden, ist aber nicht einfach...
     
    #12 26. April 2007
  3. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
    Registriert seit:
    12. Januar 2004
    Beiträge:
    807
    Zustimmungen:
    0
    Punkte für Erfolge:
    16
    Ort:
    Münster/Granada (2002/3)
    [mod]Ich habe mir erlaubt das Thema zu teilen. Über Vergangenheitsbewältigung der jüngeren spanischen Geschichte geht es hier weiter.[/mod]
     
    #13 27. April 2007
  4. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
    Registriert seit:
    12. Januar 2004
    Beiträge:
    807
    Zustimmungen:
    0
    Punkte für Erfolge:
    16
    Ort:
    Münster/Granada (2002/3)
    Dafür sind Diskussionforen ja da!


    "Unbedeutend" und "Kardinal" ist wohl ein Widerspruch in sich, zumindest aus der Sicht der katholischen Kirche. :wink:


    Es geht mir beim Relativieren nicht um Relativismus, also das Relativieren um des Relativierens Willen, sondern darum, dass wir die historischen Ereignisse in ihren tatsächlichen Relationen sehen und eben nicht aus der traditionell durch Feindpropaganda beherrschten Sicht. Zunächst einmal sollten wir uns von der romantischen Vorstellung der "unschuldigen Wilden", die plötzlich von den rohen Spaniern überfallen wurden, lösen. Sowohl die Azteken, als auch die Inka waren imperialistische Völker und ihre Nachbarn haben die Spanier in ihrem Sinne ausgenutzt, um sich ihrer zu entledigen bzw. um ihrerseits Macht zu erlangen. Das Verhalten der Spanier war für die damalige Zeit normal und auch in innereuropäischen Kriegen verhielt man sich nicht besser. Pech* für die Indianer war es, dass sie mit der europäischen Art der Kriegführung nicht vertraut waren. Die Indianer wurden auch nicht hingerichtet - bis auf prominente Ausnahmen - sondern, starben in Kampfhandlungen - genauso, wie auch Spanier starben. Dank ihrer militärischen Überlegenheit waren hier die Verluste allerdings geringer als bei den Indianern. Ich will hier wirklich keinem Cortés nachträglich einen Heiligenschein ins Porträt malen, sondern von der immer noch weit verbreiteten Idee des "indianischen Holocaust" weg. Leyenda negra und leyenda rosa sind zwei Extreme der Geschichtsbetrachtung und wie das bei Extremen meistens ist, beide falsch (deshalb ja auch leyenda).

    Nein, soviel biologische Kenntnisse hatte man damals noch nicht. Wie gesagt, im 19. Jahrhundert ist man auf die Idee gekommen, diese Mittel bewusst einzusetzen im 16. Jahrhundert war man eher erstaunt.

    Was man dem spanischen Staat vielleicht vorwerfen kann, ist, dass er seine Untertanen und die Einhaltung der Gesetze durch diese nicht ausreichend kontrollierte. Auf der anderen Seite muss man sich fragen: wie auch? Nach den Leyes de Burgos waren die Indianer als freie Individuen zu betrachten, das encomienda-System war als Geschäft gedacht. Dass die Conquistadoren als eine Art kolonialer Adel sich daran nicht hielten, ist eben nicht dem spanischen Staat oder der Kirche vorzuwerfen. Allenfalls, dass staatliches oder kirchliches Korrektiv nicht funktionierten. Tatsächlich zeigte noch Karl V., als er 1516 seinem Großvater Ferdinand auf den spanischen Thron folgte, ein erhebliches Desinteresse für den amerikanischen Kontinent. Historiker schreiben über ihn, dass er ein mittelalterlicher Monarch war und als solcher auf die Expanison im Mittelmeerraum konzentriert war. Reguläre Truppen hat er niemals nach Amerika geschickt. Die Conquistadoren machten das alles vielmehr auf eigene Rechnung.

    Die heutige Ausbeutung Lateinamerikas hat nicht mehr viel mit den damaligen Ereignissen zu tun. Wir alle sind daran mehr oder weniger beteiligt.

    *Pech hört sich im heutigen Sprachgebrauch so ironisch oder zumindest lapidar an, ist aber nicht so gemeint.
     
    #14 27. April 2007
  5. Gast1975
    Gast1975 Guest
    Das mit dem Forum teilen find ich gut, wird sonst zu verstrickt...

    Das mit dem "unbedeutenden Kardinal" ist mir schon klar, dass das aus Sicht der katholischen Kirche ein Widerspruch ist. Aber ich mein, aus Kolumbien, hier zu Besuch, und dann solche Themen! Da muss man es erstmal in die Zeitung schaffen!
     
    #15 27. April 2007
  6. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
    Registriert seit:
    12. Januar 2004
    Beiträge:
    807
    Zustimmungen:
    0
    Punkte für Erfolge:
    16
    Ort:
    Münster/Granada (2002/3)
    Naja, wenn Berühmtheiten zu Besuch sind schaffen sie es meistens in die Zeitung. Ich erinnere mich speziell an einen Besuch des paraguayischen Dichters Mario Benedetti in Cádiz und einen Besuch Oskar Lafontaines in Granada die auch in den jeweiligen Gazetten standen (Diario bzw. Ideal). Das Thema des Kardinals war allerdings völlig daneben!
     
    #16 28. April 2007
Die Seite wird geladen...
Das könnte Sie auch interesieren
  1. Mythos 'Reconquista'

    Mythos 'Reconquista': Traditionell nimmt das Thema [i]Reconquista[/i] einen großen Raum in der mittelalterlichen Geschichte der iberischen Halbinsel ein. Als Eckdaten stechen dabei besonders die – im Grunde unbedeutende - Schlacht bei Covadonga in Asturien 718 oder...
  2. Der Weg Boabdils ins Exil

    Der Weg Boabdils ins Exil: Dieser Thread bezieht sich auf [url=http://www.tina-sommer.de/board/viewtopic.php?t=2121&start=15&postdays=0&postorder=asc&highlight=]Wieder Granada, wieder ein Traum! Ans Meer nach Salobreña[/url], den Katherina eröffnet hat. Auf Wunsch habe ich...
  3. Seltsame Bräuche?!?!

    Seltsame Bräuche?!?!: Hola! Ich habe da in dem Text "La capa vieja y el baile de cadil" von Ramón de Mesonero Romanos (Literatur aus dem 19. Jh.), den ich bearbeiten muss eine seltsame Stelle gefunden: "Andaba [...] cuando al atraversar la bocacalle de San Marcos...
  4. Film „Goyas Geister“

    Film „Goyas Geister“: Ich habe vor ein paar Tagen mit einem Freund, der Goyas Leben und Werk sehr gut kennt, zusammen den Film „Goyas Geister“ gesehen und wir waren beide sehr beeindruckt. Der Film zeigt nicht (nur) einen Teil des Lebens von Goya, sondern vor allem...
  5. Zeitzone

    Zeitzone: Hallo, kann mir einer eine vernünftige Erklärung geben, warum Spanien MESZ hat und nicht wie Portugal eine Stunde Zeitverschiebung? Und wann ist das entschieden worden, und dann das Ganze auch noch mit der Sommerzeit zu verbinden?
  6. Erneuerung tarjeta residencia

    Erneuerung tarjeta residencia: Hallo, mal eine Frage an die, die schon laenger in Spanien leben: ich habe eine tarjeta de residencia (noch die alte, erstmalig ausgestellt vor 7 Jahren), die nur noch bis Oktober gilt. Bevor ich mich nun in die endlos-Schlangen der Polizei...
  7. Wetterthread

    Wetterthread: Hola Andalusienfans, wollte nurmal meine immer noch vorhandene Verwunderung über die Wetterumschwünge hier kundtun... :shock: Ich hoffe, keiner der Andalusienreisenden hält sich im Moment in Granada auf, denn wir sind quasi am absaufen. Sowas...
  8. für Pferdefreunde

    für Pferdefreunde: Hola amigos del caballo, der ein oder andere wirds schon kennen, ich habs grad entdeckt und finds genial... :lol: 8) [url="http://svt.se/hogafflahage/hogafflaHage_site/Kor/hestekor.swf"]http://svt.se/hogafflahage/hogafflaHage ......
  9. Granada-Flüge

    Granada-Flüge: Hallo Alle! Auch in diesem Forum gehts oft um die so beliebten Billigflüge, die es sicherlich vielen von uns ermöglichen, öfter als früher zwischen den Ländern hin und her zu fliegen. Nach Granada fliegen momentan Monarch und Ryanair, direkt...
  10. Abbas Ibn Firnas

    Abbas Ibn Firnas: [quote=marmota]Übrigens wird auch die Herstellung von Kristallen auf ihn zurückgeführt. Der nationale Flughafen Bagdads ist nach ihm benannt und auf dem Weg zum internationalen Flughafen von Bagdad steht auch noch eine Statue zu seinen Ehren:...