Mythos 'Reconquista'

Dieses Thema im Forum "Spanische Kunst & Geschichte" wurde erstellt von Ibn Khaldun, 10. Oktober 2004.

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  1. Ibn Khaldun
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    Mythos 'Reconquista'
    Traditionell nimmt das Thema Reconquista einen großen Raum in der mittelalterlichen Geschichte der iberischen Halbinsel ein.
    Als Eckdaten stechen dabei besonders die – im Grunde unbedeutende - Schlacht bei Covadonga in Asturien 718 oder 722, als Beginn der Reconquista, die Eroberung Toledos 1085, als Wiedereroberung der alten westgotischen Hauptstadt und Bewältigung der halben Wegstrecke sowie die Schlacht bei Las Navas de Tolosa 1212 hervor, die mit der Macht der muslimischen Heere auf der iberischen Halbinsel endgültig brach. Nicht zu Vergessen die Eroberung des letzten muslimischen Staates auf der iberischen Halbinsel, Granada 1492.

    Diese sogenannte Reconquista breitet sich dabei über zwei Zeitalter aus, nimmt das gesamte Mittelalter ein und führt – zumindest technologisch – bis in die Neuzeit hinüber. La Guerra de Granada 1482 – 1492 ist schon von Artillerie geprägt.

    Dabei wird der Begriff Reconquista heutzutage von immer mehr Historikern abgelehnt. Reconquista bedeutet 'Wiedereroberung' bzw. 'Zurückeroberung'. Damit impliziert der Begriff eine Berechtigung zur Kriegführung. Doch nach wie vielen Generationen kann man noch von einer "Wiedereroberung" oder "Zurückeroberung" sprechen? Was hat ein spanischer Soldat des 13., 14. oder 15. Jahrhunderts noch mit einem westgotischen Krieger des 6., 7. oder 8. Jahrhunderts oder einem hispanorömischen Bauern oder Bürger dieser Zeit zu tun?
    Welche Beziehung besteht zwischen den antiken oder frühmittelalterlichen westgotischen Adelsgeschlechtern und den verschiedenen iberischen Monarchien des Hoch- und Spätmittelalters? Natürlich beriefen letztere ihre Autorität und Würde auf die angeblichen Vorfahren, aber war dies nicht mehr ein propagandistischer Trick, als die historische Wahrheit? War doch der Großteil der autochthonen Bevölkerung nach der Eroberung der Halbinsel durch die Mauren dort geblieben, wo sie immer gelebt hatten. Die christliche Bevölkerung bildete in den ersten zwei Jahrhunderten der muslimischen Herrschaft immer noch die Mehrheit im Land, erst im 10. Jahrhundert, der Blüte der Umayyadenherrschaft, waren Muslime und Christen zu etwa gleichen Teilen im muslimischen Teil der iberischen Halbinsel vertreten, die meisten Muslime waren also in der Tat selber Nachfahren der hispanorömischen oder westgotischen Bevölkerung.

    Abgesehen davon evoziert der Terminus Reconquista einen etwa 800 Jahre währenden Krieg, bei dem die Christen nach und nach die militärische Oberhand gewannen und "Terrain gutmachten". Dabei wird nur allzu schnell vergessen, dass dies nur Schwarzweißmalerei ist. Genauso, wie die christlichen Königreiche untereinander um die Vorherrschaft kämpften und sich muslimischer Verbündeter bedienten, nahmen muslimische Usurpatoren und Kleinkönige christliche Verbündete gegen ihre "Glaubensbrüder" an. Muslimische Heere bedienten sich christlicher Söldner und christliche Armeen muslimischer Einheiten.

    Auch der vielzitierte Begriff Reconquista ist, besonders in der Frühphase, gar nicht im Bewusstsein der Reconquistadoren nachzuweisen. Die Kämpfe zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, die wohl als die entscheidendsten zu gelten haben, wurden nicht im Bewusstsein einer Wiedereroberung ausgefochten, sondern waren Ersatz für die Kreuzzüge in den Orient, mit der Garantie auf Sündenvergebung. Statt nach Jerusalem zog man aus ganz Europa ins galizische Santiago de Compostela. Erst im 13. Jahrhundert und besonders seit der europaweiten romantischen Annäherung an das christliche Mittelalter mit der jeweiligen Betonung auf das nationale Element, hat der diskutierte Begriff den Stellenwert angenommen, den er heute im allgemeinen historischen Bewusstsein hat.
     
    #1 10. Oktober 2004
  2. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
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    Ich lese gerade in der Doktorarbeit von Alexander Pierre Bronisch (Reconquista und Heiliger Krieg. Die Deutung des Krieges im christlichen Spanien von den Westgoten bis ins frühe 12. Jahrhundert. Münster 1998.):

     
    #2 26. Oktober 2004
  3. claudita
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    Interessante These. Habe es noch nie von diesem Ansichtspunkt aus gesehen. Bin ich dann nicht spanisch sondern eher wie mein Mann manchmal aus Spaß zu mir sagt: eine halbe Araberin?

    Wie sieht es denn aus mit den Äußerlichkeiten? Ich habe einige Cousins und Cousinen, die sind strohblond, blaue Augen und zwei Meter groß, sehen abslout nicht aus, als kämen sie aus Sevilla.
     
    #3 27. Oktober 2004
  4. Sidona
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    tja und mein seit Generationen nachweislich deutscher Schwiegervater hatte kohlschwarzes Haar und fast schwarze Augen... :shock:

    Schon in der Vortourizeit sind jede Menge Ausländer durch Andalusien und habe ihre Spuren hinterlassen. So gibt es in Jerez viele Leute mit dunklen Haaren und blauen Augen und die Hafenstadt Cádiz ist bekannt dass viele Leute als Nachfahren von englischen und irischen Seefahrern rote Haare haben. Wenn man sich unter den Weinkellern in Jerez umsieht findet man wenige spanische Namen - Terry ist genausowenig spanisch wie Byass oder Osborne und die Familie Domecq wanderte aus Pau/Frankreich ein. Alles diese Familien kamen aber schon vor Jahrhunderten - meist im 18. - nach Andalusien. Da werden schon noch einige Leutchens mehr mit gekommen sein.

    (nur die Familie Sandeman lebte tatsächlich in England und hatte nur eine Bodega in Jerez und Oporto)

    Da hatte ich übrigens mal ein lustiges Erlebnis - ich kenne eine jerezaner Familie mit Namen Ibarra - alle sehr gross, blond und blauäugig. In Mexico war ich in einer Familie eingeladen und man stellte uns den Sohn vor, ein Gegensatz zur restlichen Familie, die klein und dunkel war und ich sagte zu meiner Mutter auf deutsch "der sieht aus wie ein Ibarra" - bei dem Namen wurden die Leute hellhörig und fragten nach. Nachdem ich es ihnen erzählt hatte, sagten sie mit grossen Augen, die Mutter sei eine geborene Ibarra - aber ihr ist keinerlei Verwandtschaft in Spanien bekannt!
     
    #4 27. Oktober 2004
  5. claudita
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    el mundo es un pañuelo, eh...
     
    #5 27. Oktober 2004
  6. Pinsapo
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    #6 27. Oktober 2004
  7. Sidona
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    Hochinteressant Pinsapo.

    Bei der Gelegenheit kommt mir noch, dass der Pedro Ximénez-Sherry aus einer Traube gemacht wird, die seinerzeit ein deutscher Soldat namens Peter Siemens vom Rhein einführte.
     
    #7 27. Oktober 2004
  8. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
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    Von einigen Umayyaden berichten die arabischen Chronisten sie seien blond und blauäugig gewesen. Was daran lag, dass der Sklavinnenstatus der Maitressen, sobald sie dem Herrscher einen Sohn gebaren, aufgehoben war und sie Mütter eines Thronprätendenten wurden. Häufig kamen diese Sklavinnen aus dem slawischen oder germanischen Raum, durch Handel mit den Firanğî (den Franken/Franzosen) und den Mağûs (den Wikingern) an die arabischen Herrscherhöfe.

    Unter Almanzor nahmen slawische Sklaven (saqalabi) einen besonderen Raum in der Verwaltung und im Militär ein und stellten, als das Kalifat zerbrach, die ersten Herrscher der taifas in Ost-Andalus (Tortosa, Valencia, Denia, Murcia, Almería ...).
     
    #8 27. Oktober 2004
  9. claudita
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    Danke, Ibn Khaldun. Jetzt habe ich eine Menge Hausaufgaben...
     
    #9 28. Oktober 2004
  10. Alexander Pierre Bronisch
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    Antwort an "Ibn Khaldun" zum Eintrag vom 22.10.200

    Sehr geehrter "Ibn Khaldun",
    Sie zitieren freundlicherweise eine Passage aus der Einleitung zu meiner Arbeit "Reconquista und Heiliger Krieg". Aus dem Zusammenhang gerissen entsteht nun ein völlig falscher Eindruck. Mit den letzten Sätze aus dem Schlußkapitel möchte ich diesen Eindruck korrigieren. Sie müßten sich zur Untermauern Ihrer Ansicht über das Wesen der Reconquista auf einen anderen Gewährsmann berufen. Ich selbst möchte für die spätere Zeit nach dem 12. Jahrhundert noch auf folgende wissenschaftliche Arbeit verweisen, die meine These, eines über die Jahrhunderte lebendigen politischen Ziels der Rückeroberung des von den Muslimen okupierten Gebietes, bestätigt:
    Francisco García Fitz: Conflictividad bélica entre cristianos y musulmanes en el medievo hispano. Perspectivas ideológicas y políticas. in: Conflicto, violencia y criminalidad en Europa y América. IV Jornadas de Estudios Históricos del Departamento de Historia Medieval, Moderna y de América (Victoria-Gasteiz, 11 al 13 de noviembre de 2002), José Antonio Munita Loinaz (Hg.), Vitoria, 2004, S.40-78.
    Zur richtigen Einschätzung der vielzitierten "Toleranz" zwischen den Religionen im mittelalterlichen Spanien (christliche Reiche und muslimisches Al-Andalus) siehe ders.: Las minorías religiosas y la tolerancia en la edad media hispánica: ¿mito o realidad?. in: Tolerancia y convivencia etnico-religiosa en la Península Ibérica durante la edad media. III jornadas de cultura islámica, Alejandro García Sanjuán (Hg.), Huelva, 2003, S.13-56.

    Alexander Pierre Bronisch: Reconquista und Heiliger Krieg. Die Deutung des Krieges im christlichen Spanien von den Westgoten bis ins frühe 12. Jahrhundert (Spanische Forschungend der Görresgesellschaft, zweite Reihe, Bd.35), Münster 1998, S.369 f.:

     
    #10 26. Juni 2005
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