Guernica und Besuch im Museo de la Paz

Dieses Thema im Forum "Spanische Kunst & Geschichte" wurde erstellt von imported_horus, 11. Februar 2007.

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  1. imported_horus
    imported_horus New Member
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    Guernica und Besuch im Museo de la Paz
    Der Name Guernica verbindet sich bei den meisten Menschen mit den Begriffen:Zerstörung im Spanischen Bürgerkrieg und Gemälde von Picasso.
    Und in der Tat ist die kleine Stadt am Rio Oca mit ihren 16000 Einwohnern durch diese beiden Geschehnisse weit über die Grenzen Spaniens bekannt geworden.
    Guernica wird gerne als die „Heilige Stadt“ des Baskenlandes bezeichnet. Dies hat die historische Bedeutung, dass die Basken seit etwa 1526 eine verbriefte Sonderstellung auf der Iberischen Halbinsel hatten.
    Jahrhundertelang wurden diese Autonomiegesetze, die sogenannten“ fueros“, von den Spanischen Königen respektiert und jedes Jahr unter der 1000-jährigen Eiche von Guernica neu beschworen. Der Stumpf dieser Eiche ist immer noch in einem kleinen Tempelchen neben der Casa de Juntas zu besichtigen und ist bis heute ein Symbol für die lange stolze Geschichte des Baskenlandes.
    Niemand hätte außer dieser historischen Bedeutung daran gedacht, dass Guernica eines Tages zu einer traurigen Berühmtheit gelangen würde.

    Im Jahr1937 kommt es während des Spanischen Bürgerkriegs zu einem Ereignis, das weit über Spanien hinaus für Entsetzen sorgte. . Franco hatte Italien und Deutschland um militärische Hilfe gebeten. Mussolini und Hitler ließen sich nicht lange bitten und stellten Flugzeuge zur Verfügung. Der teuflische Plan war, durch die Vernichtung einer Ortschaft und ihrer Zivilbevölkerung ein Zeichen für die Unbesiegbarkeit der faschistisch-nationalen Kräfte zu setzen. Man suchte sich eine Ort im Baskenland aus, weil hier die symbolische Wirkung am größten sein würde.
    Am 26. 4. 1936, an einem ruhigen Markttag, erschienen über der Stadt Guernica italienische und deutsche Flugzeuge der Legion Condor, angeführt von dem deutschen Kommandeur Freiherr von Richthofen. Völlig unerwartet begann ein Angriff auf das militärisch bedeutungslose Städtchen. Guernica versank in einem Bombenhagel . 80% sämtlicher Gebäude fielen einem Großfeuer zum Opfer , innerhalb von 3 Stunden wurde der Ort in ein Trümmerfeld verwandelt. 2000 Menschen mussten ihr Leben lassen.
    „Die neuen Stukas haben ihre Feuertaufe glänzend bestanden“, jubelte der „Völkische Beobachter“, während überall in der zivilisierten Welt mit Abscheu auf dieses Verbrechen reagiert wurde.
    Heinrich Mann verfasste eine glühenden Aufruf an Menschen aller Nationen, in dem er den Angriff auf Guernica als gemeines niederträchtiges Verbrechen bezeichnete „. . . Millionen von Deutschen hassen ihre Machthaber und ihre ekelerregende Grausamkeit an flüchtenden Frauen und Kindern. . . “ heißt es in seinem Appell.
    Mit der rücksichtslosen Bombardierung der kleinen baskischen Stadt hatte das Kriegsgeschehen in Bezug auf das Leiden und die Terrorisierung der Bevölkerung eine bis dahin ungewohnte Dimension erreicht. Das Ausmaß des Angriffs und die Zahl unschuldiger Opfer war zu einem Symbol für eine neue Art der Kriegsführung geworden.

    Am 1. Oktober 2006 besuchten meine Frau und ich Guernica.
    Wir waren mit dem Auto unterwegs durch das Baskenland und näherten uns dem Ort in strömendem Regen von Süden her über Serpentinen und hinter qualmenden Lastautos. Leider hatte Spanien mal wieder geschlossen, weil wir zur Mittagszeit dort ankamen. Kirche zu , Museum zu, Touristenbüro zu , ademas llovió a cántaros(!!), kein Mensch auf den nassen Strassen. Der Regen machte uns als Lübecker zwar nichts aus, aber die Stadt ist schon ziemlich langweilig und in einer Bar schlugen wir bei etlichen cafės con leche die Zeit tot. Wir unterhielten uns über das schreckliche Schicksal dieses Ortes, über die Zerstörungen, von denen nichts mehr zu sehen ist und über die Freundlichkeit der Menschen, die ich nach dem Weg fragte ( hoffentlich haben sie nicht gemerkt, dass wir alemanes sind!)
    Dann öffnete um 16 Uhr das Guernica Museoa , auch Museo de la Paz genannt. Es liegt an der Foru Plaza 1 , nicht weit vom Infobüro.
    Wir betreten Räume und Flure, in denen auf Plakaten und Stellwänden mit Bildern und Dokumenten das ganze Grauen des Terrorangriffs auf die Stadt gezeigt wird. Wir sehen Pistolen, Helme, Wappen und Abzeichen, Gewehre, Minen, und nicht explodierte Bomben in Vitrinen. Ausgemergelte Gestalten, verweinte Gesichter auf Fotos, Bilder von verstümmelten toten Kindern und Erwachsenen, Aufrufe und Befehle in deutscher Sprache . Der Fußboden , über den wir gehen besteht teilweise aus Glas. Darunter liegen verbrannte Bücher, Töpfe, Spielzeug unter Balken, Haushaltsgegenstände, der Zivilisationsschutt einer zerstörten Stadt.
    Dann gehen wir durch eine Tür und betreten ein Wohnzimmer. Ein schmaler langgestreckter Raum ist vollkommen eingerichtet. Eine Deckenlampe, zugeklebte aber helle Fenster, Tisch , Stuhl, Bücherregal, eine Wanduhr. Als wir auf einer Bank Platz nehmen, fallen die Eingangs-und Ausgangstüren geräuschvoll zu, sind wir eingesperrt? Etwas beklommen sitzen wir in dem stillen Raum , man hört nur das Ticken der Wanduhr. Die ganze Längswand des Zimmers ist merkwürdigerweise verspiegelt.
    Leise fängt eine alte Frau über versteckte Lautsprecher mit brüchiger Stimme an, etwas zu erzählen. Etwa 5 Minuten lang dauert ihr gespenstischer Monolog , als er plötzlich von Sirenengeheul unterbrochen wird. Das Licht flackert, geht aus, wir sitzen schockiert im Dunkeln. Das Krachen von Bomben, eine grauenhafte Kakophonie von Explosionsgeräuschen, Schreien und zusammenstürzenden Gebäuden umgibt uns. Vor den Fenstern lodern Flammen, wir befinden uns mitten im Bombenangriff !
    Nach einigen Minuten ist alles vorbei und wir sehen überrascht, wie die lange Spiegelwand von hinten beleuchtet wird und dadurch durchsichtig geworden ist. Hinter der Wand befindet sich das gleiche Zimmer, in dem wir sitzen noch einmal, aber zerstört. Die Decke mit der Lampe ist heruntergebrochen, die Uhr hängt schief an der Wand, der Tisch und das Regal mit den Büchern liegen unter Balken vergraben, Rauch steigt auf.
    Wie gelähmt bleiben wir sitzen , obwohl wir eigentlich nur noch weg wollen . Alles ist totenstill und plötzlich fängt eine dünne kleine Kinderstimme an zu singen. Sie singt ein langes fast fröhliches Lied, das wie ein Zeichen von aufkeimender Hoffnung über den Trümmern schwebt
    Dann schnappen die Türen auf und wir können den Raum verlassen. Wie befreit, aber wortkarg gehen wir zum Ausgang, als uns die jungen Rezeptionsdamen noch auf eine Dokumentation im Keller aufmerksam machen . Nichtsahnend gehen wir hinunter und finden uns in einer entsetzlichen Sonderausstellung über das KZ-Mauthausen wieder. Es ist nicht mit Worten zu beschreiben, was wir hier sehen, wir haben das Gefühl, als habe uns jemand in den Magen geschlagen. Wieviel Grauen kann ein Mensch ertragen?
    Wir schauen uns nicht alles an, es ist einfach zu schlimm und verlassen das Museum. Für heute ist uns das Lachen gründlich vergangen, wir können nicht einmal darüber reden, als wir noch ein wenig durch den Ort streifen.
    An einer langen Wand entdecke ich ein Keramikrelief mit dem berühmten Werk von Picasso:Guernica. Er hatte 1937 den Auftrag erhalten für die Weltausstellung in Paris ein Bild zu malen und unter dem Eindruck der Vernichtung von Guernica hat er dieses erschütternde Gemälde geschaffen, das eine einzige Anklage gegen den Krieg ist. Es wurde auf seinen Wunsch erst nach dem Tode Francos in Spanien ausgestellt und befindet sich heute im Centro de Arte de Reina Sofia in Madrid.

    [​IMG]

    Wir verlassen Guernica mit tiefen Eindrücken und voller Mitleid mit den vielen unschuldigen Opfern, die ihr Leben in einem sinnlosen Krieg lassen mussten.

    Horus

    Damit man einmal aus der Anonymität des Forums herauskommt, habe ich ein Bild von mir beigefügt Meine Frau hat es in Leon vor dem gewaltigen Parador Hostal San Marco am 19. . Oktober 2006 aufgenommen. Dieses Gebäude mit der 100 meterlangen Fassade war im Mittelalter das Headquarter des Santiagoordens und ist unglaublich impresionante! Die Broncefigur des Pilgers mit den ausgezogenen Sandalen erinnert an diese Zeit.

    [​IMG][​IMG]
     
    #1 11. Februar 2007
  2. Manuela
    Manuela New Member
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    Hola!

    Sehr beeindruckend geschildert! Werde ich so schnell nicht vergessen.
    Vielleicht hast du noch mehr zu erzählen?!!

    Manuela
     
    #2 11. Februar 2007
  3. Gast36
    Gast36 Guest
    Horus, da laeuft mir das Grauen kalt den Ruecken herunter .....

    Bin ich froh, dass ich nicht rein arischer Abstammung bin..... denke, meine ostpreussischen und jugoslawischen Vorfahren haetten aehnliches berichten koennen....

    Ich hoffe nur, dass unsere Kinder und Kindeskinder solche Erlebnisse niemals haben werden !

    Trotzdem finde ich es jedoch gut, dass solche Geschehnisse publik gemacht werden ! Damit andere sie nicht wiederholen !!!!
     
    #3 11. Februar 2007
  4. imported_morayma
    imported_morayma New Member
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    Benissa
    Ein beeindruckender Bericht, Horus,

    Allerdings waren nur einige wenige italienische Flugzeuge an der Zerstörung Guernicas beteiligt. Verantwortlich war hingegen die berühmt-berüchtigte deutsche Legion Condor.

    Hitler schickte die Legion Condor auf Anraten des Luftwaffenchefs Hermann Göring zur Unterstützung Francos in den spanischen Bürgerkrieg.

    Doch für Göring war die sogenannte Unterstützung nur ein Vorwand. Ihm ging es vielmehr um das praktische Ausprobieren neuer Luftwaffen. Göring bot deshalb Franco im Geheimen deutsche Unterstützung durch Flugzeuge für sein Heer. Diese Unterstützung bestand sowohl in logistischer Hilfe wie Truppentransport, Versorgung, etc. als auch in Luftangriffen mit Jagdbombern (z.B. Ju-52 ) und Bombardierungen. Göring erklärte während der Nürnberger Gerichtsverhandlungen " Der spanische Bürgerkrieg gab uns eine Gelegenheit, meine junge Luftwaffe auszuprobieren und half meinen Männern praktische Erfahrung zu sammeln".

    Guernica wurde mehr oder weniger zufällig ausgewählt. Franco ging es lediglich um die Terrorisierung der Zivilbevölkerung und um die Demoralisierung der republikanischen Truppen.

    Chef der Legion Condor war Wolfram von Richthofen, der Neffe des "Roten Barons" Freiherr Manfred von Richthofen, ein Held des 1. Weltkrieges. Richthofen soll die Bombardierung Guernicas angeordnet haben. Die massiven Bombenabwürfe dauerten von 16.30 bis 20.30 Uhr, ohne jede Unterbrechung.

    Saludos
    Morayma
     
    #4 11. Februar 2007
  5. Gast36
    Gast36 Guest
    Danke für die Schilderung Deines Besuchs im Friedensmuseum von Guernica, Horus. Auch erste Themen gehören in dieses Forum. Wer noch mehr über die Hintergründe des Luftangriffs erfahren möchte, findet HIER weitere Informationen.

    Übrigens:
    60 Jahre ließ die erste offizielle Versöhnungsgeste der Deutschen auf sich warten. 1997 bat der deutsche Botschafter im Namen von Roman Herzog in Guernica um Verzeihung.

    Cangreja
    PS: Ich freue mich, dass Du mit Deinem Bild aus der Anonymität des Forums getreten bist.
     
    #5 12. Februar 2007