Al-Andalus und Inquisition. Kulturgeschichte des Schweins!

Dieses Thema im Forum "Spanische Kunst & Geschichte" wurde erstellt von Ibn Khaldun, 3. April 2004.

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  2. Im Prinzip schon, aber einige Fehler oder Ungenauigkeiten haben sich doch eingeschlichen.

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  3. Vieles war neu und überraschend für mich, aber ich glaube Ibn Khaldun, dass er Recht hat.

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  4. Vieles war neu und überraschend für mich und ich glaube, dass Ibn Khaldun eher Unrecht hat.

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  5. Der Text ist eher falsch und voller historischer Verdrehungen oder Ungereimtheiten.

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  1. Ibn Khaldun
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    Al-Andalus und Inquisition. Kulturgeschichte des Schweins!
    Kochen und Kulturgeschichte: Das Schwein in der spanischen Küche

    Den nun folgenden Text habe ich aus einem thread im Forum www.chefkoch.de unter Berücksichtigung einiger Antworten zusammengeschnitten, korrigiert, etc. Derjenige, der diesen thread ins Leben rief, war ich selber unter meinem dortigen Namen.

    Ibn Khaldun



    Schweinefleisch ist aus der heutigen spanischen Küche nicht mehr wegzudenken. Gerade in Andalusien, der Region, die bis heute den arabischen Namen al-Andalus trägt, ist die Schweinzucht besonders wichtig. Begriffe wie "Jamón Serrano" oder "~ Ibérico" und "Pata Negra" belegen dies eindrücklich. Aber auch Rezepte, deren Ursprung bei muslimischen Völkern (in diesem Falle besonders Araber und Berber) liegen, wie Albóndigas (arab. al-Bundiyyqa) oder Pinchitos Moruños (maurische Spießchen), die entweder eine hispanisierte Form des Namens tragen oder die etwas muslimisches bezeichnen, werden heute in Spanien (oder als spanische Rezepte) ganz selbstverständlich mit Schweinefleisch gemacht. Dies alles hat aber einen besonderen historischen Hintergrund.
    Ab 1492 wurden die Juden aus Spanien vertrieben, ab 1608 die letzten Muslime. Wer in der Heimat bleiben wollte (und später auch Überleben wollte), musste zwangsläufig den katholischen Glauben annehmen. Ein Kriterium zur Überprüfung der vollzogenen Konversation war der Genuss von Schweinefleisch, der Juden und Muslimen religiös verboten war. Um also nun die christlichen Machthaber und Inquisitoren davon zu überzeugen, dass man den Glaubenswandel wirklich vollzogen habe, dass man nicht mehr Jude oder Muslim war, aß man möglichst sichtbar Schwein, oder tat wenigstens so.
    In Cervantes´ Quijote berichtet der Erzähler, dass er ein altes arabisches Buch gefunden habe, dass er sich von einem christlichen „Araber“ übersetzen lässt. Dieser lacht an einer Stelle laut auf. Es handelt sich hierbei um die Stelle, in der Dulcinea charakterisiert wird, der „Schwarm“ des Quijote. So heißt es dort, dass sie von allen Frauen der Mancha die geschickteste Hand habe, um Schweine einzusalzen und zu pökeln. Dies – für uns heute und in Dtld. schwierig zu verstehen – ist eine Spitze von Cervantes gegen die offizielle Politik. Denn je öffentlicher Dulcinea originär „christliche“ Arbeiten ausübt, und alles rund ums Schwein gehört dazu, um so wahrscheinlicher ist es, zumindest im literarischen Kontext, dass sie eigentlich ihre Christenrolle nur spielt, also ursprünglich einen jüdischen oder muslimischen Glaubenshintergrund hat. Deshalb lacht der Übersetzer auch auf, es entspricht seinem Erfahrungshorizont. Es steht auch nirgendwo, dass Dulcinea das gepökelte Schwein auch tatsächlich aß.
    Bedeutet diese Theorie, dass die Moriscos ab 1492 sich mit Schweinezucht und der Zubereitung solcher Produkte beschäftigt gewesen sind?
    Zumindest konnte diese Beschäftigung hilfreich sein, sein Judentum oder seinen muslimischen Glauben zu verbergen.
    Mit der Zeit jedoch, nach einigen Generationen, vergaßen selbst die sogenannten Kryptojuden und Kryptomuslime, die ursprünglich Schweine nur züchteten um sich als Christen zu beweisen, durch mangelnde Ausübung ihres Glaubens, dass sie Juden und Muslime waren:, Diejenigen, die es also geschafft hatten, ihren wahren Glauben geheim zu halten, hatten vergessen, dass ihnen Schweinfleisch verboten gewesen wäre, wenn sie sich nicht inzwischen selbst als Christen verstanden hätten. Vermutlich deshalb ist auch heute der Schinken aus Andalusien so bekannt und wichtig, weil gerade dort besonders viele zu Christen konvertierte Juden und Muslime lebten, war doch das Königreich Granada der letzte islamische Staat auf iberischem Boden.
    Die Moriscos hatten dieses Problem erst ab 1609, da Mohammed XI. (Der spanische Name Boabdil ist eine Verballhornung seines Beinamens (A)bû 'Abd All(âh)) zwar kapituliert hatte und den Katholischen Königen den Stadtschlüssel offiziell übergab, aber eben mit der Zusicherung, dass die Muslime im Königreich Granada ungeschoren blieben. Sind sie auch mehr oder weniger, bis in die 1560er Jahre, eine "kleine" Bücherverbrennung unter Kardinal Cisneros 1498, verbunden mit einer Massenzwangstaufe ausgenommen, in Ruhe gelassen worden. Dann gab es einen Aufstand 1570/1 worauf einige Tausend Moriscos ausgewiesen wurden. Aber erst 1608/9 wurden sie endgültig aus Spanien ausgewiesen und erst ab diesem Zeitpunkt mussten die Muslime eben ihren Glauben verstecken. Dazu gehörte dann auch, dass sie nicht mehr Arabisch schrieben (selbst wenn es nur die Schrift war und die Sprache Spanisch). Daher wahrscheinlich auch keine Zeugnisse. Abgesehen davon hat die Inquisition ziemlich viel verbrannt. Muñoz Molina hat da eine Episode in seinem Buch über Córdoba, in der er berichtet, dass ein Dorfpriester ein Arabisch geschriebenes Werk findet und der Inquisition übersendet, weil er Angst hat, dass es Teufelswerk sei. Der Orientalist, welchen Muñoz Molina zitiert, hat das Buch gelesen: es war eine arabische Grammatik. Warum das Werk nicht verbrannt wurde? Keine Ahnung.

    Den Teil mit Cervantes´ Don Quijote habe ich aus María Rosa Menocal: Die Palme im Westen. Muslime, Juden und Christen im alten Andalusien. Bosten, NY, London 2002, Berlin 2003. Ich würde das Buch allerdings nicht weiterempfehlen, zu viele inhaltliche Fehler, dazu aber mehr ein anderes Mal in der Bücherecke.
    Der Rest des Textes ist eigene Erfahrung und "praktisches Wissen", bzw. aus verschiedenen Büchern über die spanische Geschichte und Kursen in Geschichte oder Islamwissenschaft an der Uni Granada, woher ich da was habe, kann ich leider nicht mehr genau angeben. Mir ist allerdings das Buch von:

    W(ilhelm) Hoenerbach: Spanisch - islamische Urkundem aus der Zeit der Nasriden und Moriscos (herausgegeben und übersetzt von W.H.) Bonn 1965.
    mit umfangreicher Bibliographie.
    angepriesen worden, von jemandem, dem Dokumente aus der Zeit dazu unbekannt seien. Ich bin allerdings der Meinung, dass schriftliche Zeugnisse dazu zwar interessant wären, aber die Fakten allein schon für sich sprechen. Viele der möglichen Zeugnisse wurden auch Opfer der Inquisition.
    Dennoch habe ich als literarische Dokumente diese Gedichte gefunden, von denen ersteres vor Antijudaismus nur so strotzt, aber es ist aber im Hinblick auf den Schweinefleischkonsum in Spanien und Kryptojuden bzw. dem Vorwurf des Kryptojudaismus interessant (auf besonderen Wunsch gäbe ich auch die Spanische Version ein):

    Quevedo gegen Góngora

    Will meine Verse mit Schweinespeck einfetten,
    dass du nichts rausbeißt, Góngora, du Schreiberling,
    Kläffer unter den Musensöhnen Kastiliens,
    stichelst so gelehrt wie Eselstreiber.

    Nur halbwegs Mann, unwürd´ger Priester
    bist nur zur Judenschul gegangen,
    Zotenreißer von Córdoba und Sevilla
    Hofnarr, machst auf heilig.

    Was nörgelst du am Griechischen herum,
    bist ein Rabbi, der bloß Hebräisch kann,
    sieht man´s dir nicht schon an der Nase an?

    Schreib um Himmels Willen keine Verse mehr,
    bringst´s doch nur zum Abgeschreibe,
    vom Schächer nur hast du den Schneid.


    [Der Beschimpfte antwortet:]
    An Don Francisco de Quevedo

    Anakreon aus Spanien, wer kennt dich nicht,
    wer rühmet und preist dich nicht.
    Stolperst durch die Elegien,
    lieblich und süß deine Verse wie Mus.

    Willst doch nicht eifern mit Lope, unserem Terenz,
    als Bellerophon er Tag für Tag
    auf Holzschuhe niedriger Kunst
    Sporen zieht, macht sich im Galopp davon.

    Plagen dich doch seltsame Gelüste,
    möchtest griechisch Verse schmieden
    hast doch Griechisch nicht im Kopf.

    Brauchst auf meinen Hintern nur zu schaun,
    manch tönend Vers er wohl gebiert.
    Und alles steht dir offen.


    [Beide Dichter lebten um die Jahrhundertwende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Die Übersetzungen stammen beide aus dem Buch Spanische Lyrik von der Renaissance bis zum späten 19. Jahrhundert, Reclam.]
     
    #1 3. April 2004
  2. Ibn Khaldun
    Ibn Khaldun Member
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    :cry: also wenn jemand meint, mein Text sei "falsch und voller historischer Verdrehungen oder Ungereimtheiten" dann hätte ich auch gerne Rückmeldung, warum :cry: Danke!

    LG Ibn Khaldun
     
    #2 21. April 2004
  3. silks
    silks New Member
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    jejeje

    aber das ist doch keine Glaubensfrage :lol: :lol: :lol:
     
    #3 4. Januar 2005
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