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Das Worst-Case-Szenario einer Pandemie
von Jochen Steffens
Das Thema Schweinegrippe durchdringt zunehmend die Medien. Da dort die möglichen Gefahren für die Gesundheit und geeignete Schutzmaßnahmen bereits ausführlich diskutiert werden, möchte ich hier lediglich auf die Auswirkungen für die Märkte und Unternehmen eingehen.
Eine Pandemie, also eine Infektionskrankheit, die sich über Ländergrenzen und Kontinente hinweg verbreitet, ist statistisch gesehen längst überfällig. Es gab in den letzten 300 Jahren ca. zehn schwere Grippepandemien, rein rechnerisch also alle 30 Jahre eine. Die letzte große Grippewelle gab es in Hongkong 1968/69. Diese forderte ca. 1 Millionen Menschenleben. Damit hat es nun seit knapp 40 Jahren keine große Grippe-Pandemie mehr gegeben.
Die aktuelle Schweinegrippe-Pandemie ist außerhalb Mexikos bisher nur in einer abgeschwächten Variante, die bisher keine Todesopfer fordert, aufgetreten. Insoweit muss man sich noch keine größeren Sorgen machen. Aber auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass es zu einer dramatischen Entwicklung kommen wird, sollte sich ein umsichtiger Anleger mit den möglichen Folgen einer solchen Krise frühzeitig auseinandersetzen. An den Börsen muss man sich leider auch immer wieder mit den Worst-Case-Szenarien beschäftigen, um im Fall der Fälle entsprechend vorbereitet zu sein.
Hier kann man drei Phasen unterscheiden:
Phase I
Die Bevölkerung verhält sich in den Anfängen einer solchen Bedrohung oft sehr uneinsichtig. Das Thema wird nicht wirklich ernst genommen. Viele Menschen glauben, dass es sich lediglich um Panikmache handelt und dass ihnen schon nichts passieren wird. Dieser Umstand wird dadurch verschärft, dass sich die letzten Pandemiewarnungen (z.B. Vogelgrippe, SARS) nicht bestätigt haben. Sollte die Schweinegrippe außerhalb Mexikos auch wieder glimpflich verlaufen, wächst die Gefahr, dass eine wirklich gefährliche Variante in Zukunft unterschätzt wird.
Trotzdem werden erste besonnene Bürger anfangen, Schutzmasken zu tragen. Die Medien werden das Thema aufgreifen und entsprechend ausschlachten. Fear sells, Angst verkauft sich. So gesehen sind Medientitel einer der ersten Profiteure einer solchen Pandemie. Die breite mediale Berichterstattung wird dazu führen, dass sich immer mehr Menschen mit dem Thema auseinandersetzen und ebenfalls Angst bekommen. Zunächst werden Schutzmasken und Medikamente gehortet. Unternehmen, die Schutzmasken verkaufen und Pharmaunternehmen gehören somit ebenfalls zu den frühen Gewinnern (wie man schon an der aktuellen Kursentwicklung sieht).
Die wachsende Angst wird dazu führen, dass immer mehr Menschen den Kontakt zur Außenwelt reduzieren. Sprich, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird eingeschränkt. Das wiederum führt dazu, dass der Einzelhandel einen zunehmenden Umsatzeinbruch verzeichnen wird. Einzelhandelsunternehmen gehören damit zu den Verlierern einer solchen Krise. Auch die Gastronomie wird eine solche Pandemie-Panik deutlich zu spüren kriegen. Das wiederum wird sich auf Brauereibetriebe und, je nach Ausmaß, auch auf die Getränkeindustrie auswirken.
Phase II
Wenn die Krankheit tatsächlich ausbricht, kann es kurzfristig zu Hamsterkäufen kommen, von denen die Lebensmittelindustrie wie auch Agrarrohstoffe kurzfristig profitieren. Zu diesem Zeitpunkt wird die Politik je nach Gefährlichkeit der Infektionskrankheit überlegen, das öffentliche Leben nach und nach einzufrieren. Das bedeutet, Ämter werden geschlossen, Busse und Bahnen fahren nicht mehr, Geschäfte machen dicht, etc. Solche Maßnahmen werden zum Beispiel in Mexiko bereits angewendet.
Ein solches Einfrieren des öffentlichen Lebens wird natürlich einen gravierenden Einfluss auf die Gesamtwirtschaft haben. Schließlich reichen bereits ein oder zwei zusätzliche Feiertage im Jahr aus, um das BIP zu beeinflussen. Sie können sich vorstellen, welche Auswirkungen eine länger andauernde Erlahmung des gesellschaftlichen Lebens auf die Wirtschaft haben würde.
Phase III
Je länger eine solche Pandemie anhalten wird, je größer die Gefahren für Leib und Leben werden und je mehr Menschen sich infizieren, desto dramatischer sind die Folgen für die Wirtschaft. Immer mehr Betriebe würden in Mitleidenschaft gezogen: Zulieferer, Transportunternehmen, Rohstoffverarbeitung etc., etc. In dieser Phase profitieren höchstens noch die großen Stromkonzerne, da die Menschen immer mehr zu Hause bleiben. Auch die Telekommunikationsunternehmen werden noch zu den Profiteuren gehören, da Kommunikation aus Angst vor Ansteckung nur noch über Handys, Telefon und Internet abgewickelt wird.
Wenn schließlich immer mehr Arbeitnehmer aufgrund von Krankheiten oder Tod ausfallen, die Notfallpläne der Regierungen greifen, kann das schlussendlich zum kompletten wirtschaftlichen Kollaps führen.
Internationale Auswirkungen
Währenddessen hat eine solche Pandemie auch globale Auswirkungen. Um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, können Flugplätze und Grenzen geschlossen werden. Damit werden also Fluglinien und Touristikunternehmen zu den Verlierern gehören. Auch das sehen wir bereits an den aktuellen Kursverläufen. Eine weitere Folge wird sein, dass der Welthandel eingeschränkt wird, was wiederum Auswirkungen auf die exportintensiven Industrien in den einzelnen Ländern hat. Im weiteren Verlauf kann der internationale Handel komplett zusammenbrechen. Studien, die im Rahmen der Vogelgrippebedrohungen angefertigt wurden, zeigen, dass eine Pandemie eine ähnliche Wirkung auf die Weltwirtschaft hätte, wie die Krise 1929. In der aktuellen Situation wären die Auswirkungen wahrscheinlich noch gravierender.